Kwame Anthony Appiah

Eine Frage der Ehre

oder Wie es zu moralischen Revolutionen kommt
Cover: Eine Frage der Ehre
C. H. Beck Verlag, München 2011
ISBN 9783406614880
Gebunden, 272 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Moralische Revolutionen verändern nicht nur unser Denken und Fühlen, sondern vor allem unser Verhalten auf grundstürzende Weise. Wie es dazu kommt, hat noch kein Philosoph untersucht. Kwame Anthony Appiahs Studie - eine wahre Pioniertat - gelangt zu einem überraschenden Ergebnis, das auch die Natur des Menschen als eines moralischen Wesens insgesamt neu definiert.
Denn moralische Revolutionen entstehen nicht durch neue Einsichten. Die Argumente gegen die Sklaverei, gegen das Duell und andere unmoralische Praktiken waren schon lange in der Welt, bevor sich die Gesellschaft zu Veränderungen entschloss. Der wirkliche Motor dabei war hingegen stets das Bedürfnis nach Respekt und Anerkennung, das menschliche Gefühl für Ehre und Anstand. Einmal erwacht, lässt es nicht mehr zu, andere Menschen unwürdig und unmoralisch zu behandeln. Appiah weist damit der Ehre, die schon seit langem historisch und philosophisch diskreditiert schien, einen neuen Platz in der Ethik zu. Sie kann, so Appiah, den Menschen auf moralische Abwege führen, wo er sogar in ihrem Namen tötet. Sie ist es aber auch, die ihn dazu bringt, nicht nur richtig zu denken, sondern auch gut zu handeln.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2011

Wie schön, die Trennung zwischen Moralphilosophie und politischer Philosophie findet der Rezensent bei diesem Autor aufgehoben. Den Graben zur kantischen Moralphilosophie hingegen scheint Kwame Anthony Appiah noch weiter aufzureißen, wenn er moralische Pflicht nicht mehr als Garant für moralisches Verhalten beschreibt. An ihre Stelle sieht Michael Pawlik in diesem Buch eine Art Ehrenkodex treten, für den aristotelisch geerdeten Autor ein vitales Kraftzentrum und unbedingt Sache der Moralphilosophie. Zusammen mit Grundrechten und von der Politik bereitgestellten sogenannten Anreizstrukturen für moralisches Handeln sollte es nach Meinung des Autors auch klappen mit der Moral. Dem Rezensenten scheint das durchaus einen Versuch wert zu sein.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.06.2011

Nicht ganz unroblematisch findet Andrea Roedig diesen Versuch des Philosophen Kwame Anthony Appiah, der Moral mit der Ehre einen Gehilfen an die Seite zu stellen, der moralische Revolutionen ermöglicht. Zwar kann Roedig die Beispiele für durch den Ehrenkodex angestoßene Veränderungen (Ende der Sklaverei, Abschaffung des Duells ...) nachvollziehen. Den nicht unbelasteten, für Roedig klar männlichen Begriff der Ehre starkzumachen, hält sie allerdings für ziemlich mutig, die vom Autor vorgeschlagene Reinigung des Begriffs in Betracht gezogen. Wirklich schwierig findet die Rezensentin aber den Umstand, dass Appiah seine Begrifflichkeiten nicht scharf zu trennen versteht. Für Roedig leidet das Konzept als Ganzes darunter, wird "schwammig". Ebenso sorgt das akademische Namedropping in den narrativen Beispielkapiteln bei ihr nicht gerade für Freude. Durch eine kritischere Verwendung des Ehrbegriffs stünde einer erfrischenden moralphilosophischen Perspektive schon weit weniger im Wege, meint sie.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.03.2011

Nicht zuletzt mit Blick auf die ägyptische Revolution und die Nachahmer in Libyen und anderen Ländern empfiehlt Michael Holmes die Abhandlung Kwame Anthony Appiahs über den Begriff der Ehre. Der ghanaisch-britische Philosoph mache darin "überzeugend" deutlich, dass das Ehrgefühl bei Wandlungsprozessen eine wichtige Rolle spiele und eine "entscheidende Kraft hinter den weltweiten Menschenrechtsbewegungen" sei. Dabei verweise Appiah nicht nur auf uralte, abgeschaffte Ehrtraditionen wie die des Duellierens, sondern nehme auch Bezug auf die sogenannten Ehrenmorde in Pakistan. Zugleich lege der Autor aber dar, dass der Ehrbegriff auch die moralischen Fortschritte der Zukunft vorantreiben könne. So hätten die für ein Verbot der Ehrenmorde eintretenden mutigen Männer und Frauen vor allem an das Ehrgefühl ihrer Mitmenschen appelliert. Holmes liest Appiahs Text weniger als Geschichtsbuch, sondern vielmehr als "Manifest".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.03.2011

Robin Celikates schätzt den Philosophen Kwame Anthony Appiah durchaus für seine Weltläufigkeit und "intellektuelle Eleganz", mit seinem neuen Buch sieht er ihn allerdings auf dem Holzweg. Appiah fragt darin, was große moralische Revolutionen - wie die Abschaffung des Duells, der Sklaverei und des Füßebindens - angetrieben hat und kommt zu dem Schluss, dass der entscheidende Motor im Wandel des Ehrbegriffs bestand. Das Duell sei nicht mehr gentlemanlike gewesen, die Arbeiter hätten ihre Arbeiterehre verletzt gesehen und die Verkrüppelung von Frauen habe China zum Gespött gemacht. Appiah möchte diesen Ehrbegriff wieder stark machen, und so etwa pakistanische Stämme packen: Erst wenn Ehrenmord als unehrenhaft (und nicht nur unmoralisch) gelte, werde er verschwinden, resümiert Celikates. Der Rezensent sagt sehr freundlich, aber doch auch deutlich, dass ihm die Ehre als Konzept allzu archaisch und hierarchisch ist, bestimmte Wandlungen durchaus auch soziale und politische Ursprünge haben können und ihm die Rechte und die Menschenwürde als moralische Fixpunkte doch lieber sind als das Ehrgefühl eines Stammesältesten.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2011

Sehr angetan ist Rezensentin Elisabeth von Thadden von der Eleganz, der Weltläufigkeit und der Philanthropie dieses Philosophen, das macht sie in ihrer Besprechung des Buches sehr deutlich. Von Kwame Appiahs Argumenten ist sie dagegen nicht so überzeugt. Ohne Ehrgefühl geht es nicht, sagt Appiah, Appelle an die Vernunft oder die Würde reichten nicht aus, um große moralische Revolutionen in Gang zu setzen. Thadden findet die These nicht uninteressant, allerdings sieht sie sie nicht belegt. Welche Rolle die Ehre spielt, wird ihr selbst bei den von Appiah angeführten Beispielen - Abschaffung der Duelle, der Sklaverei, des Füßebindens in China - nicht klar. Überhaupt seien seine Begriffe recht schwammig, inwieweit sich die Ehre von der Würde unterscheidet, sagt Appiah nicht, und auch nicht, wie er zu der ihr eigenen illegitimen Gewalt steht. Seltsam findet die Rezensentin auch, dass Appiah die einschlägigen Standardwerke von Axel Honneth oder Ute Frevert nicht kennt. Trotzdem hat sie die Lektüre genossen, denn sie lernte einiges über das gebaren britischer Gentlemen oder die erotische Ökonomie im China um die Jahrhundertwende.
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