Fattaneh Haj Seyed Javadi

Der Morgen der Trunkenheit

Roman
Cover: Der Morgen der Trunkenheit
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783458170303
Gebunden, 415 Seiten, 17,99 EUR

Klappentext

Aus dem Persischen von Susanne Baghestani. Teheran Anfang der dreißiger Jahre. Nachdem die selbstbewusste Mahbube mit ihren fünfzehn Jahren den Sohn einer Prinzessin abgelehnt hat, weist sie auch ihren Cousin zurück, der in sie verliebt ist. Warum? Das Mädchen hat sich in einen jungen Schreiner verguckt, und sie besteht auf ihrer Wahl. Wider Willen ringt der Vater sich dazu durch, ihr nachzugeben. Die Tochter erhält zur Hochzeit ein Häuschen und monatlich Kostgeld, aber das Elternhaus darf sie nicht mehr betreten. Die persische Autorin zeigt, dass Mahbubes Leidenschaft den Bedingungen dieser Ehe nicht gewachsen ist. Die junge Frau findet sich mit Ärmlichkeit und verletzenden Umgangsformen nicht ab. Nachdem ihr Sohn im Alter von fünf Jahren ertrunken ist, hält sie nichts mehr. Als verlorene Tochter kehrt sie zurück - um die Nebenfrau ausgerechnet des abgewiesenen Cousins zu werden.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.06.2001

Ein glatter Verriss. Das Buch, im Iran ein Bestseller, ist voller "literarischer Klischeebilder", schimpft Rezensent Fahim eh Farsaie in seiner kurzen Kritik. Es werbe für die "eingeschränkten Verhältnisse einer Teheraner Frauenwelt in den dreißiger Jahren" und solle "abschreckend auf Mädchen wirken", die selbst entscheiden wollen, wie und mit wem sie ihr Leben verbringen wollen. Das Buch sei nicht mehr als eine "persische Version" von Betty Mahmoodys Buch "Nicht ohne meine Tochter". Böser ging's nicht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.03.2001

Ein Fall von "Fast wie Hollywood mit viel Moral auf Persisch", könnte man hier zunächst annehmen, so Stefan Weidner. Wäre da nicht die bewundernswerte erzählerische Klugheit, mit der Fattaneh Haj Seyed Javadi die Geschichte der jungen Mahbube verfasst hat, lobt der Rezensent. Trotz des konventionellen Plots - junge hübsche Frau aus reichem Haus verliebt sich in armen Schreiner, führt mit ihm eine unglückliche Ehe, kehrt reumütig ins Elternhaus zurück und wird die Zweitfrau eines ehemals Verschmähten - hält Weidner den Roman für ein wahres Lesevergnügen, den er "mit stetig wachsender Faszination" verschlungen hat. Vom Groschenroman unterscheidet sich "Der Morgen der Trunkenheit" durch Ökonomie und Stringenz, meint Weidner. Große Gefühle, die Folgerichtigkeit einer griechischen Tragödie, Spannung und eine detailreich und auch sprachlich original gehaltene Beschreibung der persischen Alltagskultur führten den Leser in die enge Welt der Andaruni - jener Innenhöfe, die ausschließlich von Frauen bewohnt werden. Hier kommen zwar eine ganze Reihe von Klischees zur Sprache, meint Weidner, trotzdem führe die Autorin die Doppelbödigkeit der iranischen Gesellschaft und den Kampf zwischen Individualität und Tradition vor Augen. Im Iran avancierte der Roman zum Bestseller, berichtet der Rezensent. Und er munkelt, dass dieses Lektüreerlebnis auch hierzulande einer werden könnte.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.01.2001

"Erotische Schilderungen des männlichen Körpers" und "penetrante Pädagogik". Zwischen diesen beiden Polen positioniert die Rezensentin Fahimeh Farsaie den seit fünf Jahren besonders unter Mädchen und jungen Frauen im Iran beliebten Bestseller von Fattaneh Haj Seyed Javadi. Ganz wohl ist ihr ebenso wie der "engagierten Literaturszene des Irans" ob der konservativen Botschaft des Romans nicht. Sehr verständlich bei einem Plot, der die liebesenttäuschte weibliche Hauptfigur nach erotischen Verirrungen in den glücklichen Hafen von Familie und langweiligem Freier zurückführt. Dennoch erkennt die Rezensentin jenseits des moralischen Zeigefingers, der junge Mädchen auch nach Selbstaussage der Autorin ermahnen soll, die Traditionen zu bewahren, das subversive Potenzial in den "schnörkellos" geschilderten Gefühlswelten. Dies gelte ganz besonders für ein Land, in dem eigentlich das Schreiben "über irdische Liebe" nicht erlaubt ist. Dann doch vielleicht etwas mehr als Konsalik?!

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.01.2001

Katajun Amirpur bespricht diesen Roman der iranischen Autorin, der nicht unter der iranischen Zensur zu leiden hatte, weil er eine ziemlich "biedere Moral" aufweist und nach ihrer Ansicht trotzdem "lesenswert" ist. Die Geschichte eines Mädchens, das sich dem Willen ihrer Familie widersetzt und einen Schreiner heiratet, um dann am Ende reumütig nach Hause zurückzukehren, sei "spannend" und gebe zudem einen "guten Einblick" ins iranische Leben der 20er und 30er Jahre, so die Rezensentin zustimmend. Dass das Buch außerdem auch noch "gut übersetzt" worden ist, erfüllt sie zusätzlich mit Freude, denn das, meint sie, sei eher eine Seltenheit bei iranischen Texten.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2000

Bevor Sandra Ghandtchi zur eigentlichen Besprechung des Romans kommt, geht sie auf die Rezeption des Buchs im Iran ein, wo der Band bei Kritikern auf geteiltes Echo stieß, sich bei der Bevölkerung jedoch ungeheurer Popularität erfreute. Diese Popularität scheint nach Ghandtchi zunächst etwas verwunderlich, da die Autorin hier nicht - wie sonst so verbreitet - aus der Sicht des Volkes schreibt, sondern der Blick einer Aristokratentochter im Mittelpunkt steht. Gleichzeitig hat die Autorin, so Ghandtchi, jedoch auch viele "traditionelle Bräuche und Riten" beschrieben, die im Alltag der Iraner von heute noch eine große Rolle spielen. Die Stärken des Buchs sieht die Rezensentin vor allem in der Verbindung von iranischer Literaturtradition und "modernen Erzähltechniken", in der Spannung des Roman und in der Fähigkeit der Autorin, sich einer einfachen Sprache zu bedienen. Gleichzeitig "experimentiere" sie mit den "Liebesvorstellungen der klassischen (iranischen) Dichtung". Den Vorwurf, dass die Protagonistin am Ende ihre Selbstbestimmung aufgibt, weil sie eine Vernunftehe eingeht, mag die Rezensentin nicht gelten lassen. Auch am Schluss des Romans bleibe Mahbube eine "empfindsame Frau, die selbstbewusst und rebellisch ist". Glaubt man Ghandtchi, so kündigt sich in "Der Morgen der Trunkenheit" womöglich auch ein Epochenbruch in der iranischen Literatur an. Statt des zur Zeit dominierenden "symbolistischen Modernismus" etwa eines Sadeq Hedayats könnte die Entwicklung hin zu einfacher erzählten und volkstümlicheren Romanen führen.
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