Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann. Man gibt den Namen eines beliebigen Prominenten in eine Suchmaschine ein, fügt ein N und ein A hinzu, und schon hat man die Diagnose: Narzissmus! Donald Trump leidet darunter, Mark Zuckerberg auch, Cristiano Ronaldo sowieso. Der Vorwurf ist so allgegenwärtig, dass man meinen könnte, "Narzisst" sei nur noch ein Synonym für "Idiot". Kristin Dombek nimmt diese Unschärfe zum Anlass, sich durch die expandierende "Narzisssphäre" zu klicken, Diagnosehandbücher zu wälzen, Ovid und Knausgård zu lesen. Sie dekonstruiert den Hype um die vermeintliche Selbstsuchtepidemie und fügt der Liste der Persönlichkeitsstörungen eine weitere hinzu: Wenn Sie glauben, Sie seien von Egoisten umgeben, die Sie hemmungslos ausnutzen wollen, leiden möglicherweise Sie an Narziphobie.
Rezensentin Nina Apin hat Kristin Dombeks Essay über den allgegenwärtigen Narzissmus-Wahn mit Gewinn gelesen. So "unterhaltsam" wie "klug" schildert ihr die amerikanische Autorin, wie aus der psychologischen in den letzten Jahrzehnten eine kulturelle Diagnose wurde. Apin liest hier nicht nur nach, wie sich neben Ärzten und Psychologen auch Journalisten und Ratgeberautoren auf Phänomene wie Tinder, Selfies und Facebook, aber auch Donald Trump oder Anders Breivik stürzen, sondern erfährt auch wie gescriptete Reality-Shows den Eindruck einer angeblichen narzisstischen Epidemie verstärken. Dank ihres kenntnisreichen Umgangs mit wissenschaftlichen Studien kann Dombek den medialen "Narzissmus-Hype" als "Kulturgejammer" überzeugend entlarven, lobt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2016
Rezensentin Meredith Haaf hat Kristin Dombeks Essay über Narzissmus in Zeiten der Digitalisierung mit großem Interesse gelesen. Dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung längst zur "Totschlagdiagnose" unserer Zeit geworden ist, kann ihr die amerikanische Publizistin anhand von Beispielen der journalistischen Berichterstattung, etwa über Anders Breivik, die Kardashians oder "exzessives Selfie-Schießen" gut vermitteln. Darüber hinaus lernt die Kritikerin hier auch die Begriffsgeschichte und die medizinischen Hintergründe der diagnostizierbaren narzisstischen Persönlichkeitsstörung kennen. Insbesondere entnimmt sie diesem klugen und vielschichtigen Buch, wie eng Kommunikationsmedien inzwischen mit dem modernen Selbst verbunden sind.
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