Klaus Heinrich Kohrs

Hector Berlioz

Autobiografie als Kunstentwurf
Cover: Hector Berlioz
Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783878778721
Gebunden, 244 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Künstlerisches Handeln am Beginn der Moderne: Niemand aus der Generation vor Baudelaire hat so radikal wie Hector Berlioz das Problem der Selbstkonstitution des Künstlers zum zentralen Thema aller Produktion gemacht. Chateaubriands Melancholie der zu spät gekommenen Generation setzt er Metaphern des Pioniertums und der Entdeckungsreise entgegen. Mit dem zutiefst bewunderten Beethoven liefert er sich einen lebenslangen Kampf um einen "anderen Weg" der Instrumentalmusik. Die fundamentalen Erfahrungen von Diskontinuität, Inkohärenz, Absturz der freigelassenen Einbildungskraft und des Verstummens modelliert er in großen Szenen, deren Strukturen die autobiographische Konstruktion ebenso bestimmen wie die musikalischen Werke. Erstmalig wird hier die Einheit des künstlerischen Handelns dieses großen Protagonisten der Moderne rekonstruiert. Briefe, Feuilletons, phantastische Erzählungen, die Memoiren und die Kompositionen werden als Texte von grundsätzlich gleicher Wertigkeit behandelt, deren Strukturhomologien, sind sie einmal entschlüsselt, eben diese Einheit hervortreten lassen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2004

Fasziniert zeigt sich Gerrit Walther von diesen Essays über Hector Berlioz, in denen der Bonner Musikwissenschaftlers Klaus Heinrich Kohr erkundet, wie Berlioz arbeitete, wie er seine Motive fand und gestaltete. Kohr betrachte das musikalische und literarische Werk als Einheit und beide als den Versuch, erlebte Träume, Visionen und Obsessionen zu erfahrbarer Realität zu konkretisieren. Mit "philologischer Zucht" folge er Berlioz entlang den Abgründen seines "produktiven Wahns" und rekonstruiere "detektivisch" dessen Hör-, Lese- und Lebenserinnerungen. Walther hebt hervor, dass Kohrs Buch aufgrund der "dichten Argumentation" sowie der professionellen Kenntnisse der romantischen Musik, Literatur und Kunst, die es voraussetze, "keine leichte Lektüre" sei. Der interessierte Laie werde wenig Freude daran haben, aber auch akademische Spezialisten könnten verwirrt sein. "Weder ein Buch für Laien noch eines für Fachleute - ein Buch für Kenner", resümiert der Rezensent, "für jene absoluten Leser und Hörer, die schon für Berlioz' Selbstinszenierungen das erträumte Publikum gewesen sind."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.12.2003

Klaus Heinrich Kohrs Buch über Hector Berlioz (1803-1868), die anlässlich des 200. Geburtstages erschienen ist, versucht das Leben und Werk des französischen Komponisten, Dirigenten und Musikschriftstellers von den autobiografischen Zeugnissen her zu erschließen, berichtet der "ab." zeichnende Rezensent. Neben Berlioz' "Memoiren", mehreren Sammlungen von Feuilletons, Briefen und Kritiken, seiner Instrumentationslehre, den Studien über Beethoven, Gluck und Weber Priorität werden auch abgelegenere Texte wie Berlioz' "Diagnose vom Tod der Kunst in Italien" untersucht. Kohrs gehe es insbesondere um die Interaktionen zwischen Kunst und Leben, Musik, bildender Kunst und Literatur sowie zwischen weltlicher und geistlicher Kompositionssphäre. Bedauerlich findet der Rezensent einige Lücken, etwa das Fehlen von Dante als Inspirationshintergrund der Symphonie fantastique. Hier hätte der Berlioz-Werkkatalog dem Autor in seinem Bestreben, "ein Ganzes" zu schaffen, sicher gute Dienste geleistet.