Als Tochter geboren, bewegen sich Frauen gegenüber ihren Müttern in einem Kreislauf von Vorwurf und Vergebung, den sie ein Leben lang in ewigen Wiederholungen durchlaufen, und mit dem sie auch auf alle Schwierigkeiten und Beziehungen reagieren. Kim Chernin dringt in dieses bislang unerforschte Territorium der Emotionen ein und bietet ein neues Deutungsmuster für die Entwicklung von Frauen hin zur reifen, schöpferischen und selbstbe-stimmten erwachsenen Persönlichkeit an. Durch die Fähigkeit der Tochter, das aufzuarbeiten oder sogar außer Kraft zu setzen, was zwischen ihr und ihrer Mutter eingefahren und einengend ist, erhält sie die Chance, die Mutter zu erschaffen, die sie nach ihrem eigenen Empfinden immer gebraucht und verdient hat. Sie erschafft eine Mutter, die ihrer psychischen und emotionalen Entwicklung Halt und Unterstützung gibt, und bringt auf diese Weise »die eigene Mutter zur Welt«.
Iris Mainka bespricht zwei Bücher über die "Hassliebe zwischen Müttern und Töchtern", ein Thema, dass "mindestens die Hälfte der Menschheit" beschäftigt, wie die Rezensentin meint.
1) Hendrika C. Halberstadt-Freud: "Elektra versus Ödipus"
Dieses Buch der holländischen Psychoanalytikerin, die nicht mit Sigmund Freud verwandt ist, findet bei der Rezensentin keine Sympathie. Da würden "Schlachten von gestern", vor allem gegen Freud, geschlagen und die Empfehlung, bei Konflikten mit der Mutter eine "tiefgreifende Psychoanalyse" machen zu lassen, löst bei Mainka auch nicht gerade Begeisterung aus. Allerdings sei das Buch ganz im Fachjargon geschrieben und werde daher ohnehin nur einen kleinen Leserkreis erreichen.
2) Kim Chernin: "Als Tochter geboren"
Viel besser gefällt Mainka das Buch der Psychologin Kim Chernin, die sich dem Thema "auf typisch amerikanische Weise" mit mehr Leichtigkeit nähere. Im Unterschied zu Halberstadt-Freud traue sie der Frau durchaus zu, ohne psychoanalytische Hilfe, nämlich allein durch Nachdenken und Gespräche zu Konfliktlösungen zu gelangen. Bei Chernin, die zu diesem Zweck beispielhafte Geschichten erzählt, steht weniger die Vergangenheitsbewältigung als das Erwachsenwerden im Vordergrund, beschreibt Mainka einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Autorinnen. Müsse man also nur die "Vergangenheit sein lassen" und für die eigene Entwicklung förderliche Beziehungen zu schaffen, fragt Mainka am Ende doch etwas skeptisch. Dies klinge doch sehr viel einfacher als es wirklich ist.
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