Früher prägten gesellschaftliche Ereignisse und Revolten eine Generation. Das hat sich spätestens in den Neunzigerjahren verändert: Die Heranwachsenden bezogen ihre Identität nicht mehr aus kollektiven Protesterlebnissen, sondern aus dem Konsum von Marken. Daher zielt die öffentlich wahrnehmbare Sehnsucht heute nicht mehr auf eine bessere Welt, sondern auf bessere Produkte. Aus gesellschaftlichen Bewegungen sind bloße Stilgemeinschaften geworden. Deren wichtigste ist die der Lohas. Sie glauben, Hedonismus und Moral, Egoismus und Gesellschaftsveränderung verbinden zu können: im politischen Akt des richtigen Shoppens. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen Lohas werden. Ob die Welt auf diese Weise besser werden könnte, ist eine ganz andere Frage. Denn die Industrie hat die Kaufkraft und Meinungsmacht der Lifestyle-Ökos längst erkannt, die Werbung auf sie abgestellt und die Produktpaletten grün bestrichen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.12.2009
Kurzerhand für "wunderbar" erklärt Christian Schlüter dieses Buch, das seinen Informationen zufolge Schluss mit dem Irrglauben macht, Gesundheit und Nachhaltigkeit lasse sich durch das Konsumverhalten fördern oder gar erkaufen. Die Journalistin Katrin Hartmann rechne insbesondere mit dem Konzept des "Lifestyle of Health and Sustainability" (LOHAS) ab, das sie als modernen Ablasshandel und von der Konsumgüterindustrie allein zur Konsumförderung erdacht beschreibe. Zu Freude des Rezensenten rechnet Hartmann aber auch mit den Milieus ab, die den "LOHAS" praktizieren, den Bionade-Spießeridyllen zum Beispiel, in deren Weltbild die Journalistin verschiedene zynische Widersprüche nachweise. Die Veränderung der Welt, so laut Schlüter das Fazit des Buchs, das er begeistert unterschreibt, lasse sich nicht schmerzfrei und ohne politisches Engagement erreichen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 26.11.2009
Kathrin Hartmanns Furor gegen die Lohas kann Rezensent Marcel Hänggi gut verstehen. Lohas sind diejenigen, die einen "lifestyle of health and sustainibility" kultivieren und auf keinen Fall mit Ökos zu verwechseln sind. Strick und Jute tragen sie nicht. Oder, wie Hänggi die Autorin zitiert, wenn Lohas sagen: "Ich will nicht, dass mein T-Shirt in Sweatshops genäht wird", dann sei in diesem Satz das wichtigste Wort "ich". Hartmann geht diese ganz Weltrettung als Hurrah-Veranstaltung auf die Nerven, "mit Lust an der Polemik" wettert sie gegen die im Grunde unpolitischen Lohas, die alles nur noch schlimmer machen. Für den Rezensenten liegt hierin das Problem: die Lohas wird sie mit diesem Buch nicht erreichen, die Kritiker der Lohas werden nicht viel Neues erfahren.
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