Die NS-Prozesse in der Bundesrepublik waren ein Forum, in dem bereits in der frühen Nachkriegszeit die Verbrechen des Nationalsozialismus verhandelt wurden. Dabei hatten die Holocaust-Überlebenden und ehemaligen KZ-Häftlinge als Zeugen eine besonders kontroverse Aufgabe, die von der Forschung jedoch bislang kaum beachtet wurde. Vielfach lag es allein an ihnen, mit ihren Berichten die Angeklagten zu überführen. Zugleich waren sie teils massivem Misstrauen der deutschen Justiz ausgesetzt, die die Überlebenden für zu parteiisch hielt, um objektive Einschätzungen abzugeben. Die Befragungen und die Konfrontation mit den Tätern stellten zudem eine hohe Belastung dar. Dennoch sagten Tausende Überlebende aus freien Stücken aus und nahmen die Strapazen auf sich, um die strafrechtliche Verfolgung der Verbrechen voranzubringen. Am Beispiel von vier Auschwitz-Prozessen aus drei Jahrzehnten untersucht Katharina Stengel, welche Bedeutung die Opfer für die NS-Prozesse hatten, wie die Juristen mit ihnen und ihren unfassbaren Berichten umgingen, wie die Zeuginnen und Zeugen selbst vor Gericht agierten, welche Anliegen sie verfolgten und welche Schlüsse sie aus ihren Erfahrungen zogen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.06.2023
Mit dieser neuen "umfangreichen Studie" über die Zeugenschaft von Auschwitz-Überlebenden vor westdeutschen Gerichten, konnte die Historikerin Katharina Stengel den Forschungsstand um viele wertvolle Erkenntnisse erweitern, stellt Rezensentin Annette Weinke fest. Es werden sowohl die "systemischen und mikrosoziologischen Bedingungen" der NS-Prozesse analysiert als auch, anhand von vier Fallstudien zum "Verbrechenskomplex Auschwitz", wie sich unterschiedliche Faktoren auf die Präsenz der Zeugen vor Gericht auswirkten, erläutert Weinke. Die Kritikerin hebt besonders hervor, wie es Stengel gelingt, das problematische Aufeinandertreffen von einer auf Neutralität pochenden Justiz und den emotionalen Reaktionen der Zeugen deutlich zu machen. Gerade die Untersuchungen zum Auschwitz-Prozess zeichnen sich der Rezensentin zufolge durch "große Anschaulichkeit und Dichte" sowie einen sensiblen, dennoch differenzierten Umgang mit den Zeugenaussagen aus.
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