Karl Schlögel ist als Chronist der osteuropäischen Länder und ihrer Rückkehr nach Europa berühmt geworden. Nach Jahrzehnten der Teilung hat sich der Kontinent neu formiert: Alte Zentren in Osteuropa sind wieder zum Leben erwacht. In Bussen oder Billigfliegern bewegen sich die Europäer über viel befahrene Routen frei über alle Landesgrenzen hinweg, tauschen Waren aus und Wissen. Gleichzeitig müssen sie traumatische Ereignisse wie die Finanz- und Schuldenkrise nun gemeinsam durchleben. Schlögel befasst sich in seinen Reden und Essays nicht mit den "großen Männern", sondern erzählt auch die Geschichte jener unbekannten Menschen, ohne die dieses neue Europa nicht zustande gekommen wäre.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2013
Äußerst angeregt fasst Judith Leister die Thesen des Europahistorikers Karl Schlögel zusammen, die im Band "Grenzland Europa" mit Reden und Artikeln aus den letzten 15 Jahren gesammelt sind. Eine besondere Rolle nimmt darin der Zusammenbruch und die anschließende Abwicklung des Ostblocks ein, in deren Zusammenhang Schlögel noch eine beträchtliche Belastung auf den Westen zukommen sieht, nachdem der Osten seinerseits bereits eine "erstaunliche Chaos- und Krisenbewältigungskompetenz" an den Tag gelegt hat, wie die Rezensentin den Autor zitiert. Alte Grenzen verschwinden, neue entstehen, etwa die zwischen Arm und Reich, die in Russland, wo sich bis heute keine stabile Mittelschicht gebildet hat, besonders unüberwindbar ist, referiert Leister. Für seine Analysen greift Schlögel gelegentlich jahrhunderteweit zurück, den Kern seiner Untersuchungen bildet jedoch das 20. Jahrhundert und dessen Aufarbeitung, so die Rezensentin, die dem Autor durchweg "scharfe Beobachtungen und stilistische Elegenz" bescheinigt.
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