Die Jahre von seinem 60. zu seinem 65. Geburtstag bilden den Rahmen des neuen Journals von Karl-Markus Gauß. Doch verführt er uns, ihm weit zurück in die Geschichte zu folgen und mit ihm den Blick auf die Verwalter der Zukunft zu werfen. Von der Weltbühne zur Ortsbesichtigung ist es für Gauß meist nur ein Absatz: Helmut Schmidts Begräbnis schließt er kurz mit Henry Kissingers Rolle in Vietnam, die Kriegsversehrten, denen er einst auf dem Schulweg begegnete, mit der Flüchtlingskrise von 2015, den Tod eines Freundes mit den digitalen Ingenieuren der Unsterblichkeit.
Für den Rezensenten Tobias Lehmkuhl geht Karl-Markus Gauß in seinem neuen Journal entschieden zu weit mit seiner Kulturkritk. Wo ist die kosmopolitische Offen- und Gelassenheit des Autor nur hin? fragt er sich angesichts der enthemmten Hasstiraden des Autors über Starbucks, Hafermilch und Lesbierinnen-Friedhöfe. Und wo der Humor? Ein Mann vom intellektuellen Niveau des Autors sollte doch über all den im Buch bemängelten Alltagsdummheiten stehen, findet Lehmkuhl. Wer sich derart unnachgiebig über die Unzulänglichkeit anderer echauffiert, läuft Gefahr, intolerant zu wirken, meint er.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 19.02.2022
Rezensent Jörg Magenau preist das Journal von Karl-Markus Gauß, das die Jahre 2014 bis 2019 abdeckt. Wie der Autor nicht ganz uneitel, aber stets kritisch und unbestechlich auf die Welt blickt, auf die Gesellschaft, die Vergänglichkeit, das Individuelle als Massenphänomen, auf Reiseorte, Sitten und den Zeitgeist, findet Magenau lesenswert. Thematisch geordnet, wertkonservativ, auch in der Sprache, voll kluger Einsichten, bietet der Autor Gegenwartsdiagnostik als Weltsichterprobung, meint Magenau.
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