Ein Dichter zwischen Weltkrieg, Heidegger und Rotem Stern - Karl-Heinz Ott über die Hölderlin Manien des 20. Jahrhunderts Am Eingang des Tübinger Hölderlin-Turms stand jahrelang der Satz aufgesprüht: "Der Hölderlin isch et veruckt gwä!" Ein Verrückter? Ein Revolutionär? Schwäbischer Idylliker? Oder der Vorreiter aller modernen Poesie? Friedrich Hölderlin, der Mann im Turm, ist umkämpft wie kein zweiter deutscher Dichter. Im 19. Jahrhundert fast vergessen, im 20. Jahrhundert vom George-Kreis wiederentdeckt, von den 68ern als Revolutionär gefeiert: In seinem Essay zeigt Karl-Heinz Ott Hölderlin als großen Spiegel Deutschlands. Tübingen ist der Rahmen; dort hat der Dichter den größten Teil seines Lebens zugebracht, dort geistert er bis heute faszinierend umher.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2019
Roman Bucheli sieht mit einiger Freude zu, wie Karl-Heinz Ott sich grimmig an den Hölderlin-Verehrern und -Verbiegern von Jünger bis Jakobson abarbeitet. Wie der Autor alle Dezenz fahren lässt und Hölderlins Exegeten und Apologeten sowie dem Leser seinen Zettelkasten "an den Kopf" knallt, scheint Bucheli durchaus lesenswert. Otts gesammelter Unsinn aus den Schriftkammern der Nazis und des George-Kreises, von Heidegger und den französischen Dekonstruktivisten trifft laut Bucheli allerdings auch den Dichter selber. Der nämlich, so Bucheli, so Ott, hat die Fährten gut gelegt. Ein ungerechter Totalverrriss, über den man grübeln und sich schön ärgern kann, warnt und lockt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.11.2019
Helmut Böttiger lauscht Karl-Heinz Otts Plädoyer für eine sprachmelodische Einlassung auf Hölderlin anstelle des ewigen "ideologischen Gegrapsches". Beipflichten mag er dem Autor, wenn dieser mit Ironie und Gelehrsamkeit essayistisch, assoziativ an Hölderlin kratzt, ihn lustvoll dekonstruiert und seine Wirkungsgeschichte nachzeichnet, vor allem in Person Martin Heideggers. Denkmoden der vergangenen Jahrzehnte treten laut Böttiger dabei zutage, Tübinger Genrebilder und nicht zuletzt des Tübinger Meisters "poetische Antriebskraft".
Ulrich Rüdenauer freut sich, dass Karl-Heinz Ott seine langjährige Hölderlin-Beschäftigung und -Begeisterung in einem Essay unterbringt, der den Leser in die Gedankenwelt Hölderlins einführt, seine Griechenlandbegeisterung und seinen Hang zum Mythischen beleuchtet. Wenn der Autor sodann die Hölderlin-Rezeption im 20. Jahrhundert auf Herz und Nieren prüft, seine ideologische Indienstnahme bei Dichtern und Denkern, begeistern Rüdenauer der Kenntnisreichtum und die erzählerische Plastizität des Buches. Otts Rat, Hölderlin vom Kopf auf die Füße zu stellen und seine Poesie zu genießen, nimmt der Rezensent gerne an.
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