Klappentext

Aus dem Französischen von Claus Josten. Ismaël, der sich selbst Zabor nennt, verliert früh seine Mutter. Der Vater verstößt ihn, Stiefmutter und Halbgeschwister wollen das Kind nicht im Haus haben. Zabor wächst bei seiner altjüngferlichen Tante und dem stummen Großvater auf. Trost und Zuflucht findet er in der Literatur, er verschlingt alles, was er in die Finger kriegen kann. Viel ist das jedoch nicht in einem algerischen Dorf, das im Süden bereits an die Sahara grenzt, und so beginnt Zabor, seine eigenen Geschichten zu schreiben und entdeckt dabei schon früh ein besonderes Talent: Er hat die Gabe, das Leben von Sterbenden zu verlängern. So lange er über die Leute schreibt, so lange hält er den Tod auf Abstand. Wenn der Arzt und das Heilige Buch nicht mehr helfen können, dann holt man Zabor. So auch, als eines Tages sein Vater im Sterben liegt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 17.06.2019

Dirk Fuhrig freut sich, dass Kamel Daoud, für den Rezensenten einer der "wichtigsten" zeitgenössischen Schriftsteller Nordafrikas, einen neuen Roman vorlegt - und einen grandiosen noch dazu, wie Fuhrig betont: In "assoziativen" Strömen folgt er hier dem jungen Ismael, der nur Zabor, zu deutsch: "Psalm", gerufen wird und der dem Kritiker wie ein "Oskar Matzerath der algerischen Wüste" erscheint. Jener Zabor nämlich gilt nicht nur durch sein kränkliches Äußeres als Außenseiter, sondern entflieht auch seiner traditionellen, "archaischen" Welt durch das Lesen und Schreiben, resümiert der Rezensent. Wie Daoud in diesem "Bildungsroman" Männlichkeitskult und Unterdrückung der Frau Tradition und Moderne konfrontiert und die Sprache feiert, ringt dem Kritiker größte Anerkennung ab.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.04.2019

Angela Schader folgt Kamel Daouds Protagonisten, einem '68er aus einem algerischen Kaff, der sich schreibend gegen die großen Erzählungen der Religion stellt, mit Interesse für die religiöse Dimension des Textes. Leider kann der Autor die Erzählstruktur aus literarischen und biblisch-koranischen Ideen und Motiven nicht zusammenhalten, meint sie. Die Reflexionssplitter im Text und seinen erzählerischen Eigensinn findet Schader allerdings reizvoll.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.04.2019

Zu erstaunlichen Parallelen inspiriert dieser Roman den rezensierenden Islamwissenschaftler Stefan Weidner. Gerade habe sich die algerische Bevölkerung durch ihre beharrlichen Demonstrationen eines Patriarchen entledigt, und genau das tut auch Kamel Daoud in diesem  Roman. Der Erzähler des Romans schreibe zwar, um den Patriarchen am Leben zu erhalten, aber dann stirbt er doch - und mit ihm das Patrriarchat, berichtet Weidner. Nicht die Fabel ist es dabei, die für den Rezensenten zählt, sondern Daouds Umgang mit der Sprache des einstigen Kolonialherren, die hier zum paradoxen Medium der Befreiung wird - aber wiederum paradoxerweise, indem Daoud ihr eine dem Arabischen entlehnten Poesie abringe. Weidner spricht eine emphatische Leseempfehlung aus.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2019

Berühmt wurde Kamel Daoud schlagartig mit seinem Roman "Der Fall Meursault", in dem er in die Geschichte des von Meursault in Camus' Roman "Der Fremde" ermordeten Arabers schlüpft. Hier nun erzählt Daoud wiederum eine alternative Geschichte, schreibt ein tief beeindruckter Rezensent Fridtjof Küchemann: Oberflächlich geht es um die Geschichte eines von einem Patriarchen halb verstoßenen, halb wohl doch gebrauchten Sohnes. Aber es geht eben doch auch darum, dass ein Schreibender wie der Romanheld Zabor (und wohl der Autor des Romans selbst) über die Mittel verfügt, "einen großen Roman gegen den Strom des Heiligen Buches zu schreiben", wie Küchemann zitiert. Zabor ist ausgestoßen - aber er kann schreiben, und dies sogar in der Sprache des einstigen Kolonialherren. Und in dieser Sprache erzählt er eine Geschichte, die ohne Algerien nicht denkbar sei, so der Rezensent. Es handelt sich also um ein vielfach verschachteltes Stück postkolonialer Literatur, das laut Küchemann den " Alleingültigkeitsanspruch jeden Glaubens, jeder Lehre" in Frage stellt.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.03.2019

Wie Albert Camus, auf dessen Buch "Der Fremde" Kamel Daoud mit seinem Debütroman gewissermaßen aus der algerischen Perspektive antwortete, ist auch Daoud in Armut und ohne Bücher aufgewachsen. Davon erzählt jetzt sein Roman "Zabor", erklärt Rezensentin Claudia Kramatschek. Der Held der Geschichte, Zabor, ist körperlich missgebildet, ungläubig und von seinem Vater ungeliebt, der nicht versteht, dass Zabor immer nur lesen will. Doch entwickelt Zabor dabei eine seltene Fähigkeit. Indem er Geschichten erzählt, kann er das Leben von Menschen verlängern, so die Rezensentin. Und eines Tages steht er dann am Sterbebett seines Vaters. Kramatschek bewundert sichtlich den Mut des Autors, der die Literatur ganz offen über das "göttliche Wort" stellt. Und dabei noch den Unabhängigkeitskampf Algeriens mit dem ganz privaten Unabhängigkeitskampf seines Helden verknüpft. Auch wenn sie es nicht ausdrücklich sagt, muss man ihre Rezension als Empfehlung verstehen.