Die Gesundheitspolitik der DDR zwischen NS-Vergangenheit und sozialhygienischer Utopie. Das Gesundheitswesen zählte in der sozialistischen "Fürsorgediktatur" zu den Schlüsselbereichen staatlichen Handelns. Die DDR erhob den Anspruch, die soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod zu beseitigen. Auf der Grundlage sozialhygienischer Ideen versuchten Mediziner und Politiker der DDR, die Gesellschaft zu "heilen". Jutta Braun zeigt, dass der Einfluss der Minister für Gesundheitswesen erschreckend gering war, während die SED-Kader die Entscheidungen trafen. Zudem untersucht sie die NS-Vergangenheit von Mitarbeitern des Ministeriums und den Umgang mit den nationalsozialistischen Verbrechen im Gesundheitswesen. Weiterhin geht die Autorin der Frage nach, wie sich die Politik des SED-Staates auf die gesundheitliche Versorgung seiner Bürger auswirkte: So konnten durch staatlich angeordnete Impfungen Infektionskrankheiten erfolgreich bekämpft werden. Doch entstanden zugleich neue Asymmetrien im Zugang zu gesundheitlichen Leistungen. Jutta Braun untersucht darüber hinaus die politische Rolle der Arbeitsmedizin, den Systemwettstreit mit der Bundesrepublik sowie Fälle politischer Repression.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2023
Rezensent Joachim Scholtyseck hält Jutta Brauns Arbeit über das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR für verdienstvoll, auch wenn sie nur die Jahre 1950-70 umfasst. Verstörend scheint ihm, was Braun über die Politisierung der Behörde herausfindet und darüber, wie lax man dort mit Altnazis im medizinischen Dienst verfuhr. Ernüchternd findet er zudem Brauns Ausführungen über die medizinische "Sonderbehandlung" der Nomenklatura, die sich fleißig mit West-Pharmaka versorgte. An der Dysfunktionalität des Ministeriums hat Scholtyseck schließlich keinen Zweifel mehr.
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