Obwohl Meier-Graefe - entgegen weitverbreiteter Ansicht - nie Kunstgeschichte studiert hatte, erreichte er eine größere Leserschaft als alle anderen deutschen Autoren, die im 20. Jahrhundert über Kunst schrieben. Von Beginn an galt er als das "enfant terrible" der Kunstpublizistik - immer im Zentrum, immer polarisierend, immer umstritten. Wo er auftrat, hatte kein salbungsvoller Weiheton Bestand. Mit einer saloppen Nebenbemerkung konnte er staatstragende Glaubenssätze der Lächerlichkeit preisgeben. Als geborener Polemiker hatte er auch vor Selbstwidersprüchen keine Scheu - so sie nur in brillanten Formulierungen daherkamen und zu seinem schillernden Gesamtbild beitrugen. Den Grundstein seines Ruhmes legte er 1904 mit der 3-bändigen "Entwickungsgeschichte der modernen Kunst", die im Untertitel einen "Beitrag zu einer neuen Ästhetik" verhieß und "vergleichende Betrachtungen der Bildenden Künste" zur Methode erhob. Bei seinen Vergleichen griff Meier-Graefe von Beginn an programmatisch über die Grenzen Deutschlands hinaus, da ihm die heimatliche Kunst als muffig und zurückgeblieben erschien. Die Feindschaft aller Nationalkonservativen war ihm seitdem sicher, zumal Meier-Graefe sich mit provozierender Leichtigkeit und einem Neid erregenden Kenntnisreichtum in der gesamten europäischen Kulturtradition bewegte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2023
Julius Meier-Graefe "ist schwer zu fassen und immer dort, wo man ihn nicht erwartet", warnt Rezensentin Bettina Wohlfarth. Sie versucht es dennoch mit diesem üppigen Band mit ausgewählten Texten des Kunstschriftstellers und wird belohnt. Wenn Meier-Graefe assoziationsreich und gelehrt, kämpferisch und "polemisch" Kunst- und Gesellschaftsbetrachtung miteinander verknüpft, wird die Kritikerin sofort mitgerissen. Mitunter hat Wohlfarth das Gefühl, ironisch funkelnde Kurzgeschichten zu lesen, etwa wenn Meier-Graefe von einem Besuch in Essen erzählt und mit Abschweifungen zu Camembert, Preisvergleichen und französischer Lebensart schließlich bei André Derain landet. Dass die Abbildungen in Schwarzweiß gehalten sind, stört die Rezensentin nicht. Weshalb die Texte in dem ansonsten sorgsam editierten Band in chronologischer Umkehrung abgedruckt wurden, ist ihr allerdings ein Rätsel.
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