Zur 10. Tübinger Poetikvorlesung sind namhafte europäische Autorinnen eingeladen. Die Texte dieser Vorlesung sind poetische Auseinandersetzungen mit der Zeit, mit Phantasien über die nahe und ferne Zukunft. Fast immer beschäftigt sich zeitgenössische Literatur mit Vergangenheit, mit biografischer Vergangenheit oder mit Zeitgeschichte. Das hat Jürgen Wertheimer, der die Poetikdozentur in Tübingen betreut, bewogen, das Thema "Zukunft! Zukunft?" für die 10. Tübinger Poetikvorlesung im Mai 2000 zu stellen. Die acht Schriftstellerinnen, die in literarischen oder essayistischen Texten schildern, was die Erfahrung "Zeit" mit ihrem Denken, Fühlen, Schreiben zu tun hat, sind Herta Müller, Alissa Walser, Barbara Honigmann, Batya Gur, Anna Maria Carpi, Zoe Jenny, Dubravka Ugresic, Yoko Tawada.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2001
Wolfgang Schneider stellt fest, dass die meisten der acht Autorinnen, die hier einen Beitrag zur Zukunft abgeben sollten, mit dem, was mal kommen soll, so ihre Probleme haben. So verweigern sich zwei der Teilnehmerinnen, Barbara Honigmann und Herta Müller - wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen - dem Thema Zukunft gänzlich und befassen sich nach Schneiders Diagnose letztlich mit Themen der Vergangenheit. Für andere ist der Begriff Zukunft vor allem etwas, mit dem sie Diktatoren oder auch Slogans der Werbetexter verbinden. Insgesamt herrscht Pessimismus vor, so Schneider. Auch "medizinisch-biologische Errungenschaften (...) lassen keine Freude aufkommen" bei den Autorinnen. Selbst die Zukunft der Hochkultur (insbesondere der Literatur) werde eher schwarz gemalt. Und so resümiert der Rezensent, dass sich die Zukunft in diesen Beiträgen "nur mit langen Sätzen über die Vergangenheit ertragen lasse".
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