Yoko Tawada

Opium für Ovid

Ein Kopfkissenbuch von 22 Frauen
konkursbuchverlag, Tübingen 2000
ISBN 9783887691561
Taschenbuch, 222 Seiten, 12,68 EUR

Klappentext

Aus dem Japanischen von Peter Pörtner. Yoko Tawada erzählt von einer vielschichtigen Erotik, die nichts mit ?Beziehungen? zu tun hat ? die verwobene traumhafte Geschichte von 22 Frauen, die sich mitunter begegnen ? Die Gespenster des gegenwärtigen Alltags in Großstädten, zwischen "Finanzamt, anschließend Tesa kaufen", schamanistische Märchen und die aktuelle Tagespolitik bilden die Welt, in der diese Frauen sich entpuppen und verwandeln. Der Text handelt weniger von den bekannten und immer wieder erzählten Bereichen Liebe, Familie, Karriere etc, sondern von Empfindungen und Ereignissen in namenlosen Lebensbereichen. Kapitel: Leda, Galanthis, Daphne, Latona, Scylla Salmacis, Coronis, Clymene, Io, Thetis, Limnaea, Niobe, Iphis, Semele, Ceres, Pomona, Echo, Thisbe, Iuno, Ariadne, Ocyroë und Diana.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2000

Ernst Osterkamp hat eine Magisterarbeit zu vergeben. Thema: "Ovid bei Yoko Tawada", denn die in Hamburg lebende, deutsch und japanisch schreibende Schriftstellerin kreuzt die japanische Literaturgattung des Kopfkissenbuches, die der höfischen Tradition entsprungen ist, mit Ovids Mythengeflecht der "Metamorphosen". 22 Portraits von Frauen sind da zu lesen, die alle griechische Namen tragen, aber in Hamburg-Eppendorf oder in St. Pauli zuhause sind. Der leise Spott des Rezensenten schließt Bewunderung nicht aus für die Begabung der Autorin, aus diesen Miniaturen kunstvoll miteinander verwobene Lebensgeschichten aufsteigen zu lassen. Seiner Meinung nach erfahren die Frauengestalten oder -schicksale eine gewisse Trivialisierung durch die mythologischen Vorgaben, bedeuten eine Einengung des erzählerischen Musters, das sich die "Verwandlung" zum Leitmotiv erkoren hat. Dennoch: Osterkamp hat sich bezirzen lassen vom poetischen Zauber, der sorgfältigen Konstruktion und dem leicht ironischen Ton der Geschichten.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.09.2000

Kurz hintereinander hat die in Hamburg lebende deutsch-japanische Schriftstellerin Yoko Tawada zwei Bücher herausgebracht, einen kuriosen Roman und eine ebenso aus dem Rahmen fallende Dissertation, die Uta-Maria Heim mit Interesse und Wohlwollen betrachtet. Beiden Büchern, so unterschiedlich sie formal auch sein mögen, ist ein unbestimmtes Raunen zu eigen, das die Rezensentin sichtlich irritiert.
1) Yoko Tawada: "Opium für Ovid"
Es geht in diesem Buch um Biografien von heutigen Frauen, so Heim, die in der griechisch-römischen Mythologie lustwandeln. Sie überlassen sich der Wiederentdeckung der Sinne und Sinnlichkeit, als müssten sie zweitausend Jahre verschluckter Geschichte der Weiblichkeit nachholen. Unter anderem auch deshalb liest sich der Episodenroman wie eine "mythologisch verbrämte Antwort auf den Postfeminismus", meint Heim, die Frauen blieben aber in dieser bewusstlosen Gier letztlich unbefriedigt. So sei aus Diana eine der Literatur verfallene Leseratte geworden, die nie wieder frei durch die Wälder streifen wird. Der Text sei "gänzlich ironiefrei" und recht pathetisch, wenn auch stellenweise wunderschön. Heim vermisst die resolute Hand einer Lektorin, die der Opulenz und Vielzahl der Bilder behutsam zu Leibe hätte rücken müssen.
2) Yoko Tawada: "Spielzeug und Sprachmagie in der europäischen Literatur"
Mindestens ebenso seltsam mutet Uta-Maria Heim die Dissertation der Autorin an, die sie so mutig wie unverständlich, aber unterhaltsam und anregend geschrieben findet. Keine schlechte Mischung also. Zunächst einmal: es gibt laut Heim keinen nachvollziehbaren wissenschaftlichen Standort, die Arbeit vermischt Ethnologie, Psychoanalyse, Literaturwissenschaften und beschränkt sich außerdem keineswegs auf Erfahrungen aus unserem Kulturkreis. Vor allem bei der Herleitung der von Tawada benutzten Begrifflichkeiten ("Puppenschrift" beispielsweise) vermisst die Rezensentin klare Worte, in jener "Leerstelle des akademischen Diskurses" vernimmt Heim wieder das für die Autorin so typische Raunen. Doch bringt das Raunen auf dem Papier offenbar interessante, eher essayistisch denn wissenschaftlich verfasste Kapitel zustande, in denen die Leser interessante Dinge über Walter Benjamins Leidenschaft für Puppen erfahren.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.06.2000

Karl-Heinz Ott zeigt sich spürbar begeistert von Tawadas „Verwandlungen“, in denen sie zweiundzwanzig Frauen aus der „von Verwandlung handelnden Literatur“ weitere Metamorphosen durchleben lässt. Wie Ott an mehreren Beispielen belegt, kann dies äußerst komisch sein. Da „segmentieren sich Menschen in Glieder, Stimmen und Blicke“, oder die zur Kuh verwandelte Io erwidert auf die Aufforderung „zu ihrem wahren Selbst zurückzukommen“ lässig mit den Worten: `Bitte verschone mich mit deinen New-Age-Sprüchen`. Ott lobt die Leichtigkeit, die Heiterkeit, das Schwebende in Tawadas Buch. Ein „Vertreter unserer moralischen Vorwurfskultur“ tauche nur ein einziges Mal auf, christlich geprägte Kategorien von Schuld und Sühne spielen in der schwebenden Welt der Autorin fast keine Rolle, so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.06.2000

Hans-Peter Kunisch bespricht in seiner Rezension zwei Bände von Yoko Tawada: "Opium für Ovid" und "Verwandlungen" (beide Konkursbuchverlag). Die Autorin wurde 1960 in Tokio geboren, seit 1982 lebt sie in Hamburg und ist als Schriftstellerin sowohl in Japan als auch in Deutschland literaturpreisgekrönt, schreibt Kunisch. Das Urteil, das der ihr wohlgewogene Rezensent - nach einigen Reminiszenzen und Überlegungen zum Thema changierender Identitäten - über die beiden neuen Bände fällt, ist geteilt: die nach den Ovidschen Metamorphosen und der Tradition japanischer "Kopfkissenbücher" strukturierten 22 Erzählungen über 22 Hamburgerinnen in "Opium für Ovid" haben ihm weniger gefallen. Den "Einzelstücken" des Erzählungsbandes, in denen die jeweilige Protagonistin "mal zart, mal direkter" mit den Ovidschen Metamorphosen verknüpft wird, gesteht er zwar auch den Zauber ihres "intelligenten" und "wunderbar leichten" Schreibens zu. Den Versuch, sie allesamt auch noch untereinander zu verbinden, findet er jedoch beschwerlich und "überkonstruiert".
In "Verwandlungen", den Texten der Tübinger Poetik-Vorlesungen, hat Kunisch dagegen die von ihr erwarteten "überraschenden Oberflächen und Tiefen" wiedergefunden. Am Ende der Besprechung steht ein langes Zitat, das gegen alle Kritik beweisen soll: ?Manchen Schriftstellern genügen zwei Sätze, und sie haben mehr gesagt, als andere auf dreihundert Seiten?. Und zu denen will er die Autorin trotz alledem weiterhin gezählt wissen!
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