Jacob Burckhardts Vorlesungen "Über das Studium der Geschichte" aus den Jahren 1868/69, die seit 1905 als "Weltgeschichtliche Betrachtungen" berühmt geworden sind, dienen heutzutage vielfach nur noch als Sammlung markiger Zitate. Auch die Welt- und Globalgeschichtsschreibung, die heute wieder viel Interesse findet, hat Burckhardt als Ideengeber kaum beachtet. Dieser Band setzt auf eine neue Lektüre, die von einer Spannung ausgeht, die Burckhardts Text durchzieht: Einerseits fordert er ein "Totalbild der Menschheit"; andererseits verfolgt er eine nicht-totale Methodologie, die sich von den üblichen Bausteinen der Weltgeschichtsschreibung fernhält: geschlossenen Kulturen, klar abgegrenzten Epochen und langfristigen Gesetzmäßigkeiten. Der Text wird vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit betrachtet und zugleich auf sein bis heute fortwirkendes Anregungspotenzial befragt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.02.2020
Urs Hafner ahnt schon, dass Jürgen Osterhammel mit seiner Arbeit der weiteren Burckhardt-Lektüre erst Feuer gibt. Dass Burckhardts "Weltgeschichtliche Betrachtungen" frei von Reaktion sind, für die Burckhardt laut Hafner durchaus anfällig ist, dass sie den Autor zwar nicht als "modernen Globalhistoriker" à la Braudel zeigen, doch eben auch nicht als "Gesinnungseurozentriker", erleichtert den Rezensenten sichtlich. Allerdings hätte er sich von Osterhammel mehr erwartet als diese Ehrenrettung. Einen genaueren Blick auf "zeitgenössische Rassentheorien"etwa, "um Burckhardt wirklich zu verstehen". Oder auf die "Perspektive des Geschlechts".
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