Jürg Kollbrunner

Der kranke Freud

Cover: Der kranke Freud
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001
ISBN 9783608910322
Gebunden, 440 Seiten, 30,17 EUR

Klappentext

Sigmund Freud hat mehrmals biografisches Material gezielt vernichtet, hat immer wieder versucht, Spuren zu löschen, die ihn als Privatmensch in Frage stellen könnten, hat seine Anhänger aufgefordert, ihn allein mit seiner öffentlichen Existenz zu identifizieren. Am sichtbarsten wird dies an dem Tabu, das um seine Krebserkrankung errichtet worden ist. 16 Jahre lang litt er, der im übrigen sein ganzes Leben lang kränkelte, an einem Mundhöhlenkarzinom. Es mutet aus heutiger Sicht befremdlich an, dass diese Tatsache weder von ihm selbst noch von seiner Mitwelt noch von seinen Biografen psychobiografisch gedeutet, d. h. in ihren lebensgeschichtlichen Zusammenhang gestellt wurde. Hat man bislang die Entstehung der Krebserkrankung immer auf seinen starken Tabakgenuß zurückgeführt, so stellt Kollbrunner hier die Frage nach dem Stellenwert des Fehlens echter emotionaler Beziehungen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.07.2001

Ludger Lütkehaus ist hell erstaunt über die Verwegenheit von Jürg Kollbrunner, Sigmund Freuds Zigarrenkonsum und seine Krebskrankheit psychoonkologisch zu erklären. Denn für Lütkehaus bietet die Psychoonkologie zwar ein eingängiges Erklärungsraster für die Entstehung von Krebs, aber so "logisch" das Erklärungsangebot ist, so spekulativ bleibt es auch in seiner Herleitung, ist der Rezensent überzeugt. Das findet Lütkehaus auch soweit in Ordnung, wäre da nur nicht die "unerschrockene" Annahme des Autors, Bescheid zu wissen. Und so hält der Rezensent die Herleitung, Freud sei an Krebs erkrankt, weil er in seiner Kindheit unter Liebesentzug litt, für etwas hanebüchen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.06.2001

Nicht ohne Ironie bespricht Bernd Nitschke diesen Band, in dem der Autor sich in "psychosozialer Krebstheorie" übe. Denn Kollbrunner versucht hier, wie der Leser erfährt, zu erklären, welche Umstände im Leben Siegmund Freuds letztlich zu seiner Krebserkrankung geführt haben. Das allein scheint Nitschke schon recht fragwürdig zu finden. Noch viel fragwürdiger jedoch findet er, mit welcher "Konjunktivakrobatik" der Autor dabei argumentiert: So könnte der Vater durch eigene Schuldgefühle an der Erkrankung seines Sohnes schuld sein, ebenso könnte es aber auch an der Dialogunfähigkeit der Mutter gelegen haben. Besonders bunt wird es nach Nitschke, wenn Kollbrunner Siegmund Freuds Geburtstag (6.Mai) anzweifelt und den 6. März bevorzugt, denn dann wäre Freud unehelich geboren (Schuldgefühle des Vaters). Für den Rezensenten enthält das Buch einfach zu viel "vielleicht" und "wahrscheinlich". Doch wer "Spaß (hat) an tollkühnen Schlüssen und wilden Deutungen (...), dem wird dieses Buch nicht weiter schaden", findet er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2001

Als Korrektur der von Freud und seinen Biografen vorgenommenen Ausblendungen die lebensgeschichtlichen und symbolischen Bedeutungen seines Krebsleidens betreffend sowie als "Teil der offiziellen Geschichtsschreibung der Psychoanalyse" sei diese Arbeit fortan unersetzlich, schreibt Hans-Jürgen Heinrichs. Die vom Autor betriebene Entmystifizierung Freuds - Heinrichs erkennt das Bild eines leidenden, zu früh gealterten Mannes, "der die Psychoanalyse nicht als Seelenheilkunde auf sich selbst anwenden konnte" - hält er ganz offenbar für angebracht. Weniger überzeugend dagegen findet er den Aufbau der Studie - "wie ein medizinisches Lehrbuch ... in unzählige Kapitel und Unterkapitel gegliedert" -, die "ein zuweilen rührseliger Ton" konterkariere.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2001

Zwanzig Zigarren rauchte der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud täglich. Ein hilfreiches Suchtmittel, um sich ganz den Studien der menschlichen Psyche widmen zu können. Hilfreich, aber zerstörerisch, denn Freud erkrankte an Mundhöhlenkrebs, informiert Rezensent Martin Stingelin, der ein Buch des Berner Psychotherapeuten und Psychologen Jürg Kollbrunner bespricht. Kollbrunner erforscht die psychischen Ursachen für Krebs. Mit seiner "Psychoonkologie" ist er nun auch dem Leben Freuds auf die Spur gekommen und fördert eine biografische Kausalkette für das Krebsleiden des Analytikers zutage, berichtet der Rezensent. Die findet er bemüht lückenlos und vor allem spekulativ. Zu einfach erscheint ihm Kollbrunners "Ödipus-Drama der Selbstverkennung". Immerhin, Liebhabern des Horror- oder Thriller-Genres werde hier kein Motiv einer verdrängten dunklen Kindheitsgeschichte vorenthalten, merkt Stingelin ironisch an. Kollbrunners Buch findet er aber trotzdem interessant. Die Lektüre erweitere das Krankheitsverständnis von Krebs. Ob nun Kollbrunners Ansatz, dass verdrängte biografische Ereignisse im Leben Freuds für dessen Erkrankung verantwortlich seien, schlüssig ist, lässt der Rezensent offen.