Judith Hermann

Lettipark

Erzählungen
Cover: Lettipark
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016
ISBN 9783100024930
Gebunden, 192 Seiten, 18,99 EUR

Klappentext

Ein Fotograf betrachtet seinen Adoptivsohn, interessiert und distanziert, wie eines seiner Bildmotive, und seine Frau sieht diesen Blick. Vielleicht wird darüber alles zerbrechen. Ein alter Mann denkt an eine lange Reise nach Nantucket, die viele Jahre zurückliegt, zu Freunden, in ein Haus, das erst in Umrissen existierte. Walter hatte für ihn dieses Haus mit Worten in die Luft gezeichnet. Er glaubt sich an eine Umarmung zu erinnern, zum Abschied. Judith Hermanns Figuren sind manchmal ganz schutzlos. Umso intensiver sind ihre Begegnungen mit anderen, geliebten, fremden Menschen. Diese Momente geschehen beiläufig, unaufgeregt und entfalten unter der Oberfläche eine existentielle Wucht. In ihren Erzählungen spürt Judith Hermann diesen alles entscheidenden Momenten nach, unserer Einsamkeit und Wut und Sehnsucht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.06.2016

Schon immer hat in der Kunst die Einfachheit provoziert, erklärt Rezensent Roman Bucheli. Wo das Einfachsten einleuchte, da packe den Leser oder Betrachter eine "doppelte Benommenheit" im Angesicht der tiefsten seelischen Abgründe. Dies geschieht laut Bucheli in mindestens der Hälfte von Judith Hermanns neuen Erzählungen des Bandes "Lettipark" und zwar ganz zurückhaltend, bescheiden und mit leisem Humor, nur ab und zu verfehle Hermann den Grat der Einfachheit und gleite in den Manierismus ab, was der Kritiker jedoch verschmerzen kann angesichts vieler geglückter Erzählungen von Gestalten wie "schwermütige, verzauberte Riesen" und einer aufreizend schlichten Sprache.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.06.2016

Unfair findet es Rezensentin Susanne Messmer, dass die Kritik Judith Hermann in den letzten Jahren immer wieder vorwirft, dass sie sich in ihren Erzählungen aus dem Milieu der Berliner Bohème der 90er nie fortbewege. Dabei habe die Autorin ihre "tolle Sprache" seit ihrem ersten Erfolg "Sommerhaus, später" ja noch verfeinert und überhaupt sei es doch gerade enorm spannend, in jeder Weiterentwicklung des Werks beobachten zu können, wie sich die erste junge Nachwende-Generation Berlins seit den Tagen der urbanen Brachlandschaften bis heute entwickelt hat. Nämlich durchaus in Richtung bürgerliche Gesetztheit und Alltagssorgen, erklärt die Rezensentin mit Hermanns neuestem Buch - "ein schwarzes, sehr sehr trauriges" - in der Hand. Als dessen zentrales Thema isoliert die Kritikerin die melancholische Rückschau auf einmal geschlossene Freundschaften, die im Zuge der Verbürgerlichung zerfallen sind und nicht einmal wirklich betrauert werden können. Nur in der Figur einer Greisin, so die Rezensentin, schimmert die Ahnung von Hoffnung auf: Ihr ist es gelungen, ihre Erinnerungen "wie Blätter", ja "wie eine Haut" abzuwerfen, zitiert Messmer die Autorin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.06.2016

Minimalistische Literatur sieht sich seit jeher mit der Frage konfrontiert, ob sich hinter ihren knappen Formen Fülle oder Leere verbirgt, erklärt Rezensent Felix Stephan. Judith Hermann wird gemeinhin Fülle bescheinigt, weiß der Rezensent, er selbst ist sich da allerdings nicht so sicher. Auf ihn wirken die Figuren in den Erzählungen aus "Lettipark" flach, auch wenn sie mittlerweile einem vergangenen - anstatt, wie früher, einem zukünftigen, erwarteten - Sehnsuchtsort nachhängen, während sie ihre unscheinbaren Leben in "konsequenzloser Melancholie" verbringen, so Stephan. Der Hunger nach der Utopie jenseits des eigenen Lebens ist längst ein harmloser Appetit geworden, in Wirklichkeit sind Hermanns Figuren längst satt und leidlich zufrieden, beschreibt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.05.2016

Kristina Maidt-Zinke ist gnädig mit Judith Hermann. Deutsche Weltliteratur erwartet sie nicht von ihr. Lieber freut sie sich über "hübsche kleine" Erzählungen mit sprachlichen Widerhaken, etwas zu viel Pathos und Banalität hier und da, aber meistens in der Lage, einen unverhofften Zauber zu entfalten. Wenn Hermann in ihren neuen Texten, die laut Rezensentin wie die frühen sind, bloß dass Figuren und Orte quasi gealtert erscheinen, eine Pointe zu viel anbringt, den Kitsch streift und etwas zu juvenil um Belangloses kreist, möchte Maidt-Zinke der Autorin das entschieden verzeihen.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 28.05.2016

Es ist wohl eine Frage der Stimmung, ob man sich auf Judith Hermanns Symbolik einlässt oder sie als Kitsch abtut, meint Marc Reichwein und tendiert bei den meisten Geschichten in ihrem Erzählband "Lettipark" zu letzterem. Die konkrete Verortung ihrer Figuren ist der Autorin im Laufe ihrer Bibliografie verlorengegangen, bedauert der Rezensent. Übrig geblieben ist ein zur Masche verkommener "Fototapetenminimalismus", der "nichts mehr erzählt, sondern nur noch beschwört", wie Reichwein enttäuscht feststellt.
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