Siri Hustvedt

Damals

Roman
Cover: Damals
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2019
ISBN 9783498030414
Gebunden, 448 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Ulli Aumüller und Grete Osterwald. Eine junge Frau bezieht ein winziges Zimmerchen im heruntergekommenen Morningside Heights. Das Jahr ist 1979, und S.H. kommt direkt aus der amerikanischen Provinz; daher ihr Spitzname: "Minnesota". Das wilde New York lockt, und sie, die Schriftstellerin werden will, genießt den Schmutz wie den Glanz, das turbulente Leben wie die Einsamkeit. Alles Neue saugt sie begierig in sich auf. So auch, durch die papierdünnen Wände zur Nachbarwohnung, die oft skurrilen Monologe und gesungenen Mantras ihrer Nachbarin: Lucy Brite, liest sie auf dem Klingelschild. Doch mit der Zeit wünscht sie, sie hätte nicht so genau hingehört. Immer dringlicher werden Lucys Gesänge, immer klagender. Von Misshandlung ist die Rede, von Gefangenschaft, von Kindstod, ja von Mord. Nach und nach wird die Nachbarin zu einer immer schrecklicheren Obsession. Bis eines Nachts ein dramatisches Ereignis in Minnesotas Wohnung Lucy Brite in Person auf den Plan ruft - und nun beginnt ein Geheimnis sich zu lüften...
Vierzig Jahre später erzählt die gealterte S.H., inzwischen eine anerkannte Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, was davor und danach geschah: erzählt von Frauensolidarität und Männerwahn, von Liebe und Geschlechterkampf, von Gewalt und Versöhnung. Erzählt aber auch vom Mysterium der Zeit, von Erinnerung und Fantasie, von der Art und Weise, wie alles im Leben zu Geschichten wird, erzählt vom Erzählen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.04.2019

Ursula März hält Siri Hustvedts neuen Roman für eine Seifenblase. Viel "Trivialfreudianismus" und jede Menge Klischees über sexistische Männer muss sie lesen in der Geschichte einer jungen Frau im New York der späten 70er, die aufs Haar der Autorin gleicht, dann auch wieder nicht. Vor allem der Gestus des Bescheidwissens und die hemmungslose Bildungshuberei im Text nerven März brutal, nicht zuletzt weil die Autorin der Erinnerungsliteratur des 20. Jahrhunderts so gar nichts Neues hinzuzufügen hat. Bei allem Respekt vor Hustvedts "texttheoretischen" Ambitionen ist das Buch für die Rezensentin vor allem sentenziös und ein wenig plump.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.04.2019

Meike Feßmann freut sich an den im Band enthaltenen naiven Zeichnungen von Siri Hustvedt genauso wie an ihrem Roman. Als Vehikel für Ideen funktionierend, so Feßmann, nimmt der Text den Leser mit in die Vergangenheit der Autorin beziehungsweise ihres fiktionalen Ichs, einer jungen Frau, die das New York der späten siebziger Jahre erkundet, intellektuell, sexuell. Wie Hustvedt auf autofiktionale Weise Ideen verhandelt, eine weibliche Sicht auf die Wissensgeschichte versucht und das intellektuelle wie körperliche Erleben ihrer Figur aus der Innensicht wie auf einer komplexen Guckkastenbühne darstellt, findet Feßmann lesenswert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.03.2019

Rezensentin Verena Lueken hat sich von Siri Hustvedt ins wunderbare Reich der Fiktion entführen lassen, in dem "Wissen, Erlebtes, Erlesenes und Gefühl" eins werden. Dabei folgt sie der Schriftstellerin voller Bewunderung, wenn sie sich als Sechzigjährige an die junge Frau erinnert, die 1978 nach New York kam, um die Zukunft zu erobern. Lueken gefällt Hustvedts Spiel mit den Identitäten, mit Rollenzuweisungen und Spiegelungen, sie folgt den verschiedenen Erzählsträngen und -ebenen mühelos und wechselt zwischendurch auch noch zu Hustvedts Essays, in denen sie das gleiche Nachdenken über falsche Gegenüberstellungen - Inhalt und Form, Gefühl und Vernunft, Körper und Seele, Mann und Frau - findet, wie in diesen Erinnerungen an die Zukunft von einst.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.03.2019

Judith von Sternburg folgt Siri Hustvedt fasziniert, wenn sich die sechzigjährige Autorin auf die Spuren ihres jüngeren Ichs im New York der siebziger Jahre begibt. Obwohl, naja. Die Kritikerin weiß, dass die Geschichte, die Hustvedt erzählt, nicht wirklich autobiografisch ist, die 23-jährige Siri H. hat nicht gehungert, sie wäre auch nicht beinahe vergewaltigt worden. Aber gerade dass Hustvedt bei ihrem Erzählen die Fiktion der Authentizität aufrecht hält und Fragen nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit aufwirft, macht die Lektüre für die Kritikerin so fesselnd. Sie glaubt der Autorin jedes Wort, und erkennt darin die Kunst literarischen Schreibens.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.03.2019

Andrea Köhler liest Siri Hustvedts neuen Roman als Selbstporträt der Künstlerin als junger Frau. Siri H. ist 23 Jahre alt, kommt nach New York und erlebt die hochfliegende Ambitionen einer angehenden Autorin, Hunger und eine Beinahe-Vergewaltigung. Die Rezensentin macht hier viel "zornige Energie" aus, aber sie muss auch feststellen, dass Hustvedt für ihren eigenen #MeToo-Moment keine rechte literarische Form findet. Und das heruntergekommene New York, das Hustvedt bereits in ihrem Roman "Die unsichtbare Frau" ausführlich ausmalte, erscheint Köhler ebenfalls ein bisschen abgenutzt. Am Ende erkennt die Rezensentin, dass es sich bei "Damals" weniger um einen Roman handelt als um ein Erinnerungsbuch, das Resultat einer zehn Jahre währenden Psychoanalyse.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 02.03.2019

Rezensentin Sarah Pines freut sich über eine neue "semifiktionale Autobiografie" von Siri Hustvedt. Von deren Alter Ego Minnesota lässt sich die Kritikerin hier mit auf einen rasanten Streifzug durch das New York der späten Siebziger nehmen, taucht ein in die Literaturszene jener Jahre und in die "rauchige Welt von Soho", sinniert über Literatur, beobachtet ihre Mitmenschen und fühlt sich wie die "alten Flaneure Baudelaire und Aragon". Diesem intelligenten, "nostalgischen" Buch verzeiht Pines gern, dass die Exkurse über Geschlechterverhältnisse und die eingebundenen Gegenwartsbezüge (Trump, #MeToo) gelegentlich etwas bemüht wirken.