Jorge Baron Biza

Die Wüste und ihr Samen

Roman
Cover: Die Wüste und ihr Samen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518225066
Gebunden, 268 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen von Frank Wegner. Mit einem Nachwort von Alan Pauls. Kurz bevor er Selbstmord beging, verwandelte Jorge Barón Biza die Katastrophe im Zentrum seines Lebens in einen Roman. In "Die Wüste und ihr Samen" beschwört er einen radikalen Formverlust, findet einen Ausdruck, eine Sprache zwischen Ruin und Sehnsucht. Dieser Roman führt in eine Sphäre, in der Linien, Konturen, Grenzen keinen Halt mehr geben und vom Menschsein nichts bleibt als ein Schwindel. Beim Unterschreiben der Scheidungspapiere schüttet der Vater der Mutter Säure ins Gesicht. Der gemeinsame Sohn ist anwesend, es ist der Sommer 1964, Argentinien steht politisch kurz vor dem Kollaps, und er beginnt zu erzählen. Von den hilflosen Versuchen der ersten Minuten, den Schaden zu begrenzen, von der seltsamen Erleichterung, als er erfährt, dass sich der Vater eine Kugel in den Kopf geschossen hat, von der Reise an der Seite der Mutter nach Mailand zu einem Spezialisten, von seiner ganz persönlichen Höllenfahrt durch Bars und Bordelle. Und eben immer, immer, immer wieder vom Gesicht der Mutter, dieser sonderbaren Masse Fleisch, die auseinander, ineinander, übereinander läuft und in den sonderbarsten Farben leuchtet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2025

Eine harte, aber bannende Lektüre verspricht Rezensent und Autor Matthias Weichelt mit Jorge Barón Bizas Roman, der im Original 1998 und nun auf Deutsch erschien. Von autobiografischer Warte aus geht es darin um einen jungen Mann im Argentinien der sechziger Jahre, der den Säureangriff seines Vaters auf die eigene Mutter im Zuge der Scheidung bezeugt und anschließend seine Mutter über diverse plastische Eingriffe hinweg pflegt, selbst aber in ein Loch aus Alkohol und nächtlichen Exzessen fällt. Der Säureangriff, der einen wuchtigen und so noch nicht gelesenen Romananfang abgibt, war bittere Realität, weiß Weichelt; auch Barón Bizas gesamte Familie habe sich zudem - wie im Buch der Vater unmittelbar nach der Tat - umgebracht. Wie der Autor diese schrecklichen Erlebnisse aber in die Form einer literarischen "Familienaufstellung" gießt, das findet der Kritiker "meisterhaft" gelungen, ebenso wie die "souveräne und elegante" Übersetzung von Frank Wegner und das "kluge" Nachwort von Alan Pauls. Der einzige Roman des Autors und ein Juwel, vermittelt Weichelt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.10.2025

Rezensent Hernán D. Caro nimmt sich zwei lateinamerikanische Romane vor, die nun erstmals auf Deutsch erscheinen und sich beide mit menschlichen Schrecken auseinandersetzen: Jorge Barón Bizas einziger Roman erzählt von einem Säureangriff, den der Vater des Protagonisten auf die Mutter verübt. Der Sohn begleitet seine Mutter über zwei Jahre im Krankenhaus bei der Wiederherstellung ihres Gesichts, eine groteske, brutale, albtraumhafte Zeit, in der er immer wieder in den Alkoholismus abrutscht, erfahren wir. Eine tragische, katastrophale Geschichte, die Bizas echtem Leben nachempfunden ist, wo es noch viel weniger ein Happy End gibt, so Caro. Beide Romane, so schließt er, erfordern die Kühnheit, dem menschlichen Abgrund in die Augen zu schauen. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 19.09.2025

Rezensent Enno Stahl liest mit "Die Wüste und ihr Samen" die erschütternden letzten Worte eines gebrochenen Menschen. Diese letzten Worte zu "gebären", schreibt Jorge Barón Biza gegen Ende seines Buches, sei die einzige Möglichkeit, das einzige "Leben", was ihm noch bleibe. Kurz nach Erscheinen des Buches, weiß Stahl, wird Biza sich das Leben nehmen, so wie zuvor sein Vater, dann seine Mutter und schließlich auch seine Schwester. Diese verstörende Familiengeschichte erzählt der argentinische Autor in einer präzisen, nüchternen Prosa, beginnend kurz nach einem traumatisierenden Gewaltakt des Vaters - erst gegen die Mutter (er schüttet ihr Säure ins Gesicht als sie sich scheiden lässt) und dann gegen sich selbst. Dabei wird Bizas Chronik des Untergangs immer wieder unterbrochen und ergänzt von verschiedenartigen Exkursen und Einschüben, lesen wir: eine politische Kampfschrift seines Vaters etwa, ein Brief aus seiner eigenen Jugendzeit. Es ist ein "zutiefst trauriges" und dennoch bewundernswertes Buch, so Stahl - gute Literatur, erinnert sich der Rezensent nach der Lektüre, muss eben nicht zwangsläufig erheitern und erheben.

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