Martin Kohan

Sittenlehre

Roman
Cover: Sittenlehre
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421826
Gebunden, 248 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Buenos Aires, Anfang 1982: Dicke Mauern umgeben das streng traditionelle Elitegymnasium Colegio Nacional, in dem die junge Maria Teresa ihre Stelle als Aufseherin angetreten hat. Außerhalb der Mauern herrschen die Militärs, der Falkland-Krieg ist in vollem Gange. Drinnen soll Maria Teresa die strikte Einhaltung der Disziplin überwachen. Sie ist nur ein kleines Glied in der Kette, aber sie will es gut, ja peinlich genau machen. Schließlich ist Ordnung der sicherste Halt in einem Leben, in dem die Mutter in der Küche Kriegsnachrichten hört und der Bruder verstörend rätselhafte Postkarten aus der Etappe schickt. Eines Tages geht sie in ihrem Überwachungseifer so weit, dass sie sich in der Jungentoilette einschließt, um einen Schüler in flagranti zu ertappen, den sie im Verdacht hat, heimlich zu rauchen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2010

Als "glänzende Parabel" über die argentinische Diktatur und "makelloses Stück Prosa" feiert Rezensent Uwe Stolzmann dieses preisgekrönte Buch. Der Autor wagt sprachlich einen Balanceakt zwischen Ironie und Horror und damit einen Weg ins Ungeheuerliche, so Stolzmann. Schauplatz ist ein Elitegymnasium, das der Kritiker als "bizarres Universum aus Zwang und Selbstaufgabe" wahrnimmt, als Labor, unter dessen Bedingungen die Diktatur ideal gedeiht. Autor Martin Kohan schildere keine körperliche Gewalt. Auch stünden weder Opfer noch Täter im Zentrum, "sondern jener Typ Mensch, der die Diktatur erst ermöglicht. Der Mitläufer, das Rädchen." Die Figur, an der entlang Kohan seine Parabel entwickele, sei eine "mausgraue" Lehrerin, deren Leben das strikte Regelsystem der Schule erst seinen Sinn gebe. Sie verstehe es, Verachtung und Gewalt, die ihr selbst widerfährt, in Macht zu verwandeln. Während der Kritiker Plot und Methode des Romans beschreibt, spürt man die faszinierende Beklemmung, die dieser Roman in ihm ausgelöst hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2010

Ein kurzes, großes Buch über den Menschen als Gebrauchswesen, findet Rezensent Paul Ingendaay, hat Martin Kohan mit "Sittenlehre" geschrieben. Die personale Perspektive einer jungen Aufseherin auf die Gepflogenheiten und die Hierarchien im Elitegymnasium Colegio Nacional in Buenos Aires zu Zeiten der Falkland-Krieges eröffnet unserem Rezensenten die Chance, das Politische und Gesellschaftliche (Argentiniens und autoritärer Systeme allgemein) im Privaten zu erkennen und umgekehrt. Ingendaay bewundert die Ruhe und Genauigkeit von Kohans Stil, der ihm Lachen und Schauder gleichermaßen beschert, jedoch keine Anklage des Autors. Peter Kultzens Übersetzung des Romans erscheint Ingendaay bemerkenswert souverän.