Aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason und Wilhelm Muster. Neu herausgegeben von Jürgen Dormagen und Gerhard Poppenberg. Juan Maria Brausen, illusionsloser Texter in einer Werbeagentur, macht nach einer schweren Operation seiner Frau die Erfahrung, dass er nicht zu einer einzigen Existenz verurteilt ist. Hinter der dünnen Wand der Nachbarwohnung hört er die Lebensäußerungen der Prostituierten Queca, und in Gedanken wird er zu Juan Maria Arce, ihrem brutalen Geliebten. Zugleich fantasiert er sich in die Gestalt des Arztes Diaz Grey, Hauptfigur eines Drehbuchs, an dem er schreibt. Als die Queca von ihrem Zuhälter ermordet wird, identifiziert Brausen sich mit dem Mörder und flieht, als Juan Maria Arce, nach Santa Maria, in die von ihm entworfene Stadt, wo sich sein Weg mit dem von Diaz Grey kreuzt.Das kurze Leben, 1950 erschienen, hat Onettis Ruhm begründet. Der Band enthält einen ausführlichen Anhang mit Anmerkungen, Zeittafel, Bibliografie und Nachwort.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.12.2007
Santa Maria war fünfzehn Jahre lang die lateinamerikanische Fantasie-Stadt schlechthin, schreibt Kersten Knipp, bis dann Gabriel Garcia Marquez mit Macondo kam. Juan Carlos Onetti hat sich mit der schon 1950 erschienen Titelgeschichte ganz nach vorn geschrieben, wenn es um "Metafiktion" geht, also um das literarische Nachdenken über die Betriebsmechanismen von Fiktion, Fantasie und Literatur, informiert Knipp. Onetti bewerkstelligt das mit seiner Figur des Juan Maria Brausen, der bei Bedarf immer in das von ihm imaginierte Santa Maria flüchtet, die mit ihren Bewohnern dann immer mehr zur Realität, zu Brausens Realität wird. "Kunstvoll" findet Knipp das, wie auch in den beiden anderen Stücken des Bandes Erinnerung und Vorstellung seiner Meinung nach auf "kühne" Weise verknüpft werden.
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