Jonathan Franzen

Die Unruhezone

Eine Geschichte von mir
Cover: Die Unruhezone
Rowohlt Verlag, Reinbek 2007
ISBN 9783498021160
Gebunden, 256 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Jonathan Franzen über sich: über Kindheit, Vögel, deutsche Sprache, über Frauen und Charlie Brown. Wir lesen über eine Jugend im amerikanischen Mittelwesten und ein Erwachsenenleben in New York - mit berührenden Schilderungen etwa von Franzens Nöten beim Verkauf des Elternhauses nach dem Tod der Mutter und großartigen Verknüpfungen zwischen seiner gescheiterten Ehe, dem Problem der Erderwärmung und den Lebenslektionen, die man beim Beobachten von Vögeln lernt. Der Autor zeichnet das vielfarbige Porträt einer amerikanischen Mittelschichtfamilie unserer Zeit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.03.2007

Gewöhnlich und ungewöhnlich zugleich findet Rezensentin Irene Binal dieses autobiografische Buch von Jonathan Franzen. Es sei gewöhnlich, weil es eine ganz gewöhnliche Adoleszenzgeschichte erzähle. Ungewöhnlich wird es für die Rezensentin durch den Mut, mit der es sich dieser Gewöhnlichkeit stellt, die Ungehemmtheit, mit der sich der Autor über sich selbst lustig macht. In die Erzählung einer Jugend mit schwieriger Mutterbeziehung, die mit dem Versuch beginne, nach deren Tod das Elternhaus zu verkaufen, streue Franzen immer wieder lose Anekdoten und Erinnerungsfetzen ein. Er lasse vieles aus und zwischen den Erinnerungsschnipseln reichlich Platz für Spekulationen. Gerade dieses Nichterzählen macht für die Rezensentin die Qualität dieses Buch über das Erinnern aus. Lediglich am Ende lässt Franzen aus ihrer Sicht seine Meisterschaft in der Kunst "nichts zu erzählen, ohne langweilg zu sein", im Stich.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.03.2007

Rezensent Helmut Böttiger versteht den jüngsten Roman Jonathan Franzen als einen "Zwischentext", in dem der Autor nach einer neuen Schreibweise suche. Der Untertitel sei nicht nur autobiografisch gemeint, sondern Franzen schmuggele auch eine "scharfe" ästhetische Selbsthinterfragung ein. Einen glatten Realismus a la Thomas Mann sei Franzen inzwischen, und vor allem nach der Lektüre Kafkas, nicht mehr möglich, und er versuche hier, neu auf seine Biografie und seine Ästhetik zu blicken. Franzens normale amerikanische Mittelschichtsherkunft bietet dem Rezensenten zufolge zwar nichts Neues, was in der amerikanischen Literatur nicht schon erzählt worden sei, doch in "Die Unruhezone" seien die Streitereien der Eltern um die Klimaanlage letztlich nicht lustig, weil die Verunsicherung des Autors tiefer reiche. Bis zu Kafka nämlich, bei dem er gelernt habe, seine Eltern als Comicfiguren zu betrachten. Literarisch präsentiere Jonathan Franzen seine autobiografischen Rückblicke beispielsweise zu den ersten sexuellen Beunruhigungen ohne chronologischen roten Faden und gewissermaßen "ohne ästhetische Konstruktion". Nur mache er dies so schonungslos, so der Rezensent, dass "hinterrücks" wieder ein gutes Stück Literatur dabei herausschaue.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007

Felicitas von Lovenberg ist mächtig froh, dass der Autor die Hosen anbehält. Die von "innerer Freiheit" zeugende Balance dieser Biografie zwischen Distanz und exibitionistischem Furor ist ihr gerade recht. Auch so, meint sie, lässt sich der Text sowohl als narzisstische Auskunftsfibel, als literaturdetektivisches oder auch als soziologisches Material lesen. Am dazugehörigen Stilmittel der kontrollierten Enthüllung allerdings hat Lovenberg dann doch was zu mäkeln. Wenigstens klingt es so, wenn sie betont, diese Art "glänzender Literatur" erreiche noch in ihren intimsten Momenten den Kopf und nicht das Herz des Lesers. Den Wert erkennt sie dennoch an: Die "schwerelose Eleganz", mit der Jonathan Franzen Vergangenheit und Gegenwart, Besonderes und Allgemeines verbindet und seine Biografie aufspannt zwischen dem Wunsch nach Akzeptanz und dem nach Andersheit.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2007

Ulrich Sonnenschein klärt uns über die anglo-amerikanische Gattung des "Memoir" auf, die eben keine literarische Biographie sein wolle, sondern "aufbereitete Erinnerung" mit "poetisierten Fakten". Im Falle von Franzens Memoir ist die Erinnerung an einen elterlichen Streit über die Raumtemperatur im Nachhinein Auslöser und Motiv für ein allgemeines Unbehagen in oder an der Welt, in die sich der Schriftsteller durch den Rückblick als Comic-Figur, als "Archetypen und damit wie Charlie Brown universell" projiziert. Deshalb könne es auch nicht in erster Linie um die Faktizität der Ereignisse einer Mittelklasse-Jugend im Mittleren Westen gehen. Vielmehr stehe das Aufspüren der biographischen Brüche des "Jedermann" im Vordergrund, dessen "bestimmte Eigenschaften" an eine "nachvollziehbare Erfahrungswelt" gekoppelt werden. Dieses Verfahren, das Faktische mit einer stellvertretenden Individualität in Beziehung zu setzen und zu versöhnen, macht für Sonnenschein den Reiz von Franzens Buch aus, das er sogar als "großes Kunstwerk" würdigt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.03.2007

Den großen Wurf hat Jonathan Franzen mit seinem autobiografischen Roman zum Bedauern von Rezensentin Ursula März diesmal nicht getan. Doch das Potenzial dazu hätten Stoff und Herangehensweise aus ihrer Sicht gehabt. Denn der Reiz dieser autobiografischen Betrachtungen besteht für sie gerade in der Normalität, im Unspektakulären und Durchschnittlichen, das den Helden auszeichnet, dessen größtes Jugendunglück in der Tatsache besteht, dass seine Mutter ihn nicht in Jeans zur Schule gehen lässt. Aber auch spätere Lebensdramen und Alltäglichkeiten dieses "streberhaft Verquälten" besitzen der Beschreibung der Rezensentin zufolge nichts Herausragendes und zeichnen sich für sie lediglich durch den Beigeschmack eines "klammen Unbehagens" am Dasein aus. Doch gerade das macht das Buch für die Rezensentin spannend, denn leicht lässt sich für sie aus der "Gemengelage mittleren Unwohlseins" das Figurenensemble der "Corrections" hochrechnen, das für März aus "abscheulichen Charakteren" und monströsen Plagegeistern" besteht, die in diesem Klima der "Unruhezone" am besten gedeihen. Doch leider male Franzen sein Szenario zu erläuternd aus und nehme seinen Allerweltsgeschichten so ihren Charme, da er sie auf epischen Weg doch zu einer gewissen Bedeutsamkeit aufzublasen versuche.
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