Andreas Stichmann

Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk

Roman
Cover: Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017
ISBN 9783498058500
Gebunden, 240 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Alles beginnt in Hamburg Osdorf. Der Sonnenhof - früher alternatives Wohnprojekt, heute eher betreutes Wohnen - hat schon bessere Zeiten gesehen. Findet Ramafelene, genannt Raffi, 35, der seit seiner Kindheit dort lebt. Von seiner Mitbewohnerin und Mutter kommt jedenfalls nicht mehr viel. Ihr scheint in den 80ern mit dem Mann auch die Menschenliebe verlorengegangen zu sein. Schlimm. Findet auch Bianca, 17, die auf dem Sonnenhof ihre Sozialstunden ableistet. Bianca, mit den blauen Haaren, in die Ramafelene sich verliebt. Was Küwi nicht gefällt, obwohl er gerade selbst einen neuen Freund gefunden hat: einen Mann ohne bürgerlichen Namen. Einen Mann mit einer Vision. Die den Sonnenhof miteinschließt. Und die Entführung eines Millionenerben. Schlimm? Man wird sehen. "Hat jedenfalls erst mal nichts mit Gefährlichkeit zu tun", findet Küwi. "Ist was Politisches mit Solidarität. Ist Inhalt von dem Lied 'Die Internationale', das man mag." Der Sonnenhof hat schon bessere Zeiten gesehen, ja, aber warum sollten nicht die besten - und zwar für alle Menschen - noch kommen?

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2017

Rezensent Burkhard Müller bezeichnet Andreas Stichmanns neues Buch als "ironischen Jugendroman" - und das heißt für den Kritiker nichts Gutes. Zwar hat er sich passagenweise durchaus amüsiert über die Geschichte um eine Truppe müder und eigensinniger Ökohof-Bewohner, die gemeinsam mit einem reichen Erben und Möchtegern-Punk beschließen, dessen Entführung vorzutäuschen. Allerdings reichen Witz und der rasant überladene Plot nicht aus, um den Leser durchweg bei der Stange zu halten, klagt Müller. Dass Stichmann zwischen auktorialer und personaler Erzählperspektive hin- und herhüpft, seine Figuren der Lächerlichkeit preisgibt, offenen Zynismus jedoch vermeidet, nimmt der Rezensent besonders übel. Und so können ihn nicht mal die im Roman verteilten "geistesabwesenden" Collagen des ebenfalls als Comiczeichner tätigen Autors versöhnen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.03.2017

So ganz wird man aus Ulrich Gutmairs Kritik nicht schlau. Es geht im Roman, das erfahren wir von ihm, um einen Erben, der seinen Bruder entführen und einen Teil des Lösegelds einer Kommune geben will, die seinen weltrevolutionären Zwecken dienen soll. Dabei macht sich der Erbe laut Gutmair einer "postmaterialistischen Gesinnungsethik" schuldig, was immer das bedeutet, und bringt die Verhältnisse in der Kommune durcheinander. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, etwas naiv vielleicht manchmal, aber selbst das dient der Sache, meint der Rezensent, der sich am Ende doch etwas mehr Boshaftigkeit gewünscht hätte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.03.2017

Nico Bleutge freut sich über die Selbstironie und die Offenheit der Geschichte, die Andreas Stichmann in seinem neuen Roman erzählt. Anders als in seinem letzten Roman nimmt ihn der Autor nicht mit auf große Fahrt quer durch den Iran, sondern in eine Pflegeeinrichtung in Hamburg-Osdorf. Das hat laut Bleutge den Charme eines Gegenprogramms zu all den großen literarischen Dystopien der letzten Jahre, wenn Stichmann eine zarte Lovestory zwischen zwei jungen Frauen entwirft, die dort arbeiten und mit Sinn für Komik soziale Querlagen im Mikrokosmos Pflegeheim beschreibt. Dass die großen Weltverbesserungsprojekte dabei ironisiert werden, kann Bleutge verkraften. Weniger gut gefällt ihm die Lektüre, wann immer der Autor versucht, den Duktus einer Sozialreportage nachzuahmen. Insgesamt aber hat ihm der Roman Spaß gemacht.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 18.02.2017

Paul Jandl ist nach der Lektüre von Andreas Stichmanns zweitem Roman vor allem: "glücklich". Zum einen, weil der Autor in seiner Geschichte um ein soziales Öko-Wohnprojekt, zu dessen Rettung sich der als David van Geelen geborene Millionenerbe Sydney Seapunk selbst entführt, in dystopischen Zeiten eine Utopie in herrlich leuchtenden Farben ausmalt, schwärmt der Kritiker. Zum anderen, weil Stichmann in seinem Schelmenroman den "Radius des Pikaresken" durchmisst, den Mikrokosmos des Öko-Dorfes der Rationalität der Außenwelt gegenüberstellt, grandiose Einfälle und kuriose Figuren aus dem Hut zaubert und mit Wörtern und ihren Bedeutungen wunderbar zu spielen weiß, lobt Jandl. Und wenn der Autor in seiner "märchenhaften Groteske" die Hipster-Seapunk-Kultur mit Elektro-Beats und Esoterik kurzschließt, das Verhältnis von David zu seiner verstorbenen Mutter ausleuchtet, ist das für Jandl schlicht "große Operette".
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