John Cornwell

Pius XII.

Der Papst, der geschwiegen hat
Cover: Pius XII.
C. H. Beck Verlag, München 1999
ISBN 9783406454721
gebunden, 484 Seiten, 29,65 EUR

Klappentext

Kein anderer Papst des 20. Jahrhunderts ist so rätselhaft wie Pius XII. Er führte das Papsttum auf eine seit dem Mittelalter nicht mehr erreichte Höhe der Macht und des moralischen Ansehens, doch innerhalb der Kirche bekämpfte er unerbittlich jeden Widerspruch. Er lehnte Hitler und den Nationalsozialismus ab, doch zur Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden schwieg der Stellvertreter Christi auf Erden. Warum er dies tat, ist bis heute umstritten. John Cornwell schildert in seiner Biographie Leben und Pontifikat des Mannes, der lebte wie ein Heiliger und herrschte wie ein Diktator.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.12.1999

In seiner ausführlichen und durchaus kritischen Würdigung des dickleibigen Bandes des Cambridger Dozenten kommt Matthias Dobrinski am Ende zu dem Schluss, dass selbst ein gutwilligerer Interpret der Fakten die Seligsprechung von Pius dem Zwölften schwerer gemacht hätte, die zur Zeit vom Vatikan emsig betrieben wird. Denn dieser Papst, als päpstlicher Nuntius Pacelli 1919 in München und dort, so der Autor, vom Antisemitismus infiziert, sei bei aller "Weltentrücktheit" immer Karrierist gewesen und habe sich nach Antritt seines Amtes böse in allzu Weltliches verstrickt. Mussolini und Franco hat er für "unterstützenswert" gehalten, die kroatische Ustascha gelobt und nichts zurückgenommen, als ihre Gräuel bekannt wurden; er hat die Bombenopfer Roms besucht, jedoch die Augen verschlossen vor den tausend Juden, die unter dem Fenster des Vatikan zur Deportation gesammelt wurden, fasst der Rezensent zusammen. Aber er kritisiert Cornwell auch dafür, dass er Entlastendes allzu schnell bagatellisiere, z.B. die von Pinchas Lapide optimistisch geschätzte Zahl von 800 000 durch den Vatikan geretteten Juden oder, wie er meint, die Zeitbedingtheit vieler kirchlicher Reaktionen auf die Verfolgung von Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.1999

Reißerisch, so Hansjakob Stehle, war an dem Buch vor allem der Originaltitel: "Hitler`s Pope". Der Inhalt, so scheint es, ist es glücklicherweise weniger. Papst Pius XII. erscheine in dieser Biografie als "ein komplexer Charakter mit tragischen Zügen", keineswegs als jener Zyniker als den ihn Rolf Hochhuth in seinem Drama "Der Stellvertreter" beschrieb. Was hat es mit Pius` Reichskonkordat mit Hitler von 1933 auf sich? Cornwell versuche dieser Frage "auf widerspruchsvolle Weise zu entkommen", meint Stehle. Cornwell behaupte, dass die Reserve, die Pius gegenüber dem offenen Rassismus des Hitler-Regimes empfunden habe, von seiner Angst vor dem Kommunismus noch übertroffen wurde - dabei vergisst er weitgehend, so Stehle, dass es auch Geheimverhandlungen der Kurie mit Abgesandten Stalins gab. Auch Pius` langes Schweigen zur Judenvernichtung, zu der er sich nur einmal Weihnachten 1942 äußerte, erkläre Cornwell aus der Angst vor einem Triumph des Kommunismus - während der Rezensent selbst die Ursache hierfür "in der psychischen Struktur dieses Papstes" erblickt. Die Gebrochenheit dieses Menschen gezeigt zu haben, sei bei allen übrigen Schwächen eine der Stärken dieser Biografie.