Die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht ist - was die Zahl der Opfer und die Permanenz des Schreckens betrifft - die größte Katastrophe, die eine Stadt im Zweiten Weltkrieg erlitt. Nahezu 900 Tage lang - vom 7. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 - war die Metropole an der Newa eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten. Als Folge dieser Blockade starben rund eine Million Menschen, die weitaus meisten durch Hunger und Mangelkrankheiten. Zum ersten Mal in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs werden die deutsche und die sowjetische Perspektive in einem Buch vereint. Der Autor stellt die Belagerung in den Kontext der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und beschreibt auf der Grundlage neuer Dokumente aus russischen Archiven die Reaktionen von Stalins Regime auf die existentiellen Herausforderungen der Blockade. Neben den erstaunlichen Leistungen, zu denen die sowjetische Diktatur im Krieg imstande war, finden auch die Versäumnisse und Misserfolge der Verteidiger Leningrads in dieser Darstellung ihren Platz. Das Buch revidiert gängige deutsche und sowjetische Geschichtsbilder gleichermaßen. So weist der Autor nach, dass die deutsche Belagerungsstrategie nicht dem militärstrategischen Kalkül entsprang, die Stadt einzunehmen. Die Annahme einer Kapitulation wurde von Hitler vielmehr kategorisch ausgeschlossen, da er das Ziel verfolgte, Leningrad und seine Einwohner vollständig zu vernichten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2006
Als Genozid erzähle Jörg Ganzenmüller die Geschichte der Belagerung Leningrads quasi neu. Die militärische Zielsetzung der Aushungerung, so Rezensent Michael Martens, sei zwar schon zuvor bekannt gewesen, doch habe sowohl die sowjetische als auch die bundesrepublikanische Geschichtsschreibung diese weltgeschichtlich "einmalige" Operation verschleiert. Hilfreich im schlechten Sinne sei dabei die übergroße Bedeutung von Stalingrad gewesen. Stalin habe einen "Widerstandsmythos" gebraucht, um einen erfolgreichen militärischen Widerstand fingieren zu können. Darüber hinaus könne der Autor nachweisen, dass die relative Autonomie Leningrads während der Belagerung und eine gewisse Befreiung vom Geheimdienst zu keinerlei politischer Unabhängigkeit geführt habe. Den Stalinismus, bringt es der Rezensent auf den Punkt, habe man sich in Leningrad auch ohne Stalin besorgt. 1949 habe Stalin dann sogar ein Blockademuseum in Leningrad schließen lassen, weil er an einem eigenständigen Leningrad-Mythos nicht interessiert war.
Beeindruckt zeigt sich Hans-Martin Lohmann von der sorgfältigen und umfangreichen Studie des Militärhistorikers Jörg Ganzenmüller. Angesichts der Tragik und Dauer der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehmacht sei es merkwürdig, dass eine kritische Aufarbeitung der Ereignisse bisher ein Schattendasein in der deutschen Erinnerungskultur geführt habe, analysiert der Rezensent. Da Ganzenmüller auch Einblick in sowjetische Archive erhielt, sei erstmals ein vergleichender Blick möglich, der beweise, dass sowohl Stalin als auch Hilter Leningrad zum Nebenschauplatz im Krieg um Stalingrad und Moskau degradierten. In der Folge war Leningrad einem doppelten, sowohl deutschen als auch sowjetischen "Vernichtungskalkül" ausgeliefert, was die Ernährung der Bevölkerung betraf, die vorsätzlich und selektiv ausgehungert wurde. Außerdem räume Ganzenmüller mit der Legende auf, der Krieg habe die stalinistische Verfolgung außer Kraft gesetzt. Dass der Autor neben der Auswertung zahlreicher Quellen auch das Leiden der Bevölkerung nicht aus den Augen verliere, hebt für den Rezensenten die Qualität des Buches.
Shida Bazyar: Die Lücken Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre… Caroline Blackwood: Das Schicksal von Mary Rose Aus dem Englischen von Claudia Voit. Caroline Blackwood, Erbin des Guinness Vermögens und schillernde Figur der Londoner Bohème, hat aus ihrer Herkunft und ihrem Leben keine… Anne Carson: Rot Aus dem amerikanischen Englisch von Anja Utler. Der rote Junge Geryon ist unsterblich in Herkules verliebt, der dem Jüngling nicht zu widerstehen vermag. Auf dem Höhepunkt… Dana Vowinckel: Anton und Alma Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen. Jahre später treffen sie sich auf einer Party wieder. Beide kommen aus Berlin und studieren…