Jennifer Clement

Gebete für die Vermissten

Roman
Cover: Gebete für die Vermissten
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
ISBN 9783518424520
Gebunden, 229 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf, inmitten von Mais- und Mohnfeldern, in einem Dorf ohne Männer, denn die sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze oder längst tot. Es ist eine karge und harte Welt, in der ein Mädchenleben wenig zählt. Eine Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogenhändler auftauchen. Aber Ladydi träumt von einer richtigen Zukunft, sie träumt von Freundschaft und Liebe und Wohlstand. Ein Job als Hausmädchen in Acapulco verspricht die Rettung, doch dann verwickelt ihr Cousin sie in einen Drogendeal. Und plötzlich hält sie ein Paket Heroin in den Händen, und ein gnadenloser Überlebenskampf beginnt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.11.2014

Die US-amerikanische Schrifstellerin und Wahlmexikanerin Jennifer Clement hat für ihren Roman "Gebete für die Vermissten" zehn Jahre lang recherchiert, weiß Katharina Granzin, und zahllose Gespräche mit Mädchen und Frauen geführt, die in jener von Gewalt gebeutelten Gegend Mexikos leben, in der kürzlich auch dreiundvierzig Studenten verschwanden: Guerrero. Die akribische Vorarbeit hätte auch schaden können, hätte Clement versucht, ihr erworbenes Wissen um jeden Preis unterzubringen, erklärt Granzin, doch die Autorin hält es im Hintergrund und bereichert ihren Roman nur beiläufig mit sehr konkreten Details, lobt die Rezensentin. Clements größtes Verdienst aber ist es, dass sie angesichts der erschreckenden Lebenswelt der Frauen, über die sie schreibt, nicht schockiert oder theatralisierend reagiert, sondern sich ganz die Perspektive ihrer jungen Protagonistin Ladydi aneignet, die "längst jenseits der Angst" steht und mit ihrem lakonischen Blick noch das grotesk-komische ihrer Welt in Szene setzt, so Granzin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2014

Rezensent Paul Ingendaay ist begeistert über Jennifer Clements Roman über die Mädchenräuber und Drogenkartelle von Mexiko. Dass die junge Autorin ohne pädagogischen und dokumentarischen Eifer erzählt, dafür dem deutschen Leser mit scharfem Blick und mittels großer Rechercheleistung knallharte Frauenschicksale in der indigenen Bevölkerung Mexikos vor Augen führt, scheint Ingendaay so neu wie lehrreich. Als guten Ersatz für den Lifestyle der Literatursalons empfindet das der Rezensent, räumt aber ein, dass Clement durchaus hohe poetische Kraft entwickelt. Dem Einwand, die Story lasse das "Fleisch" vermissen, hält Ingendaay Tradition entgegen: Clement schreibe in der Tradition Juan Rulfos, so eine Art mexikanischer Kafka, wie der Rezensent erläutert, und biete eine voraussetzungslose Geschichte. "Es geschieht, was geschieht", schreibt Ingendaay. Betreffend den Stoff erinnert Ingendaay ferner an die Nähe zu Roberto Bolano, auch wenn Clement ihren Stoff sehr viel knapper fasst und aus Kinderperspektive erzählt, wie der Rezensent erklärt. Die Schockwirkung sei die gleiche, meint Ingendaay.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.09.2014

Angela Schader ist schwer beeindruckt von dem, was die in Mexiko-Stadt aufgewachsene Autorin in ihrem Roman zu erzählen hat. Über die brutalen Ritualmorde an Frauen in Ciudad Juárez konnte die Rezensentin derart faktentreu und bitterscharf gewürzt noch nicht lesen. Die Gewalt und Indifferenz, geschildert aus der Perpektive einer Halbwüchsigen, wie sie Jennifer Clement hier verhandelt, schockiert Schader zweifellos. Der Witz und die Wärme, die die Erzählung durchpulsen, haben der Rezensentin während der Lektüre aber überraschenderweise auch hellere Momente beschert.