Jaroslav Rudis, Jaromir Svejdik

Alois Nebel

Graphic Novel
Cover: Alois Nebel
Voland und Quist Verlag, Leipzig 2012
ISBN 9783863910129
Kartoniert, 360 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Ende der achtziger Jahre. Alois Nebel arbeitet als Bahnhofswärter an einer kleinen Station in Bílý Potok, einem abgelegenen Dorf an der tschechisch-polnischen Grenze. Er ist ein Einzelgänger, der das Sammeln alter Fahrpläne der Gesellschaft von Menschen vorzieht. Er findet Einsamkeit beruhigend. Doch sobald sich Nebel über die Bahnstation legt, beginnt er zu halluzinieren und sieht Züge aus den vergangenen einhundert Jahren ein- und ausfahren. Sie bergen Geister und Schatten aus der dunklen Vergangenheit Mitteleuropas: die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, die russische Besetzung 1968. Alois wird diese Alpträume nicht los und endet schließlich in einem Sanatorium. Dort lernt er einen schweigsamen Fremden kennen, der bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, verhaftet wurde. Niemand weiß, warum er nach Bílý Potok gekommen ist oder was er dort sucht, aber es ist seine Vergangenheit, die Alois bei seiner Entdeckungsreise antreibt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.04.2012

Eindringlich findet Judith Leister diese in Tschechien sehr erfolgreiche und dort im übrigen auch schon verfilmte Graphic Novel im Underground-Stil, in der ein sehr gewöhnlicher Eisenbahner in der tschechischen Provinz von Visionen aus dem "Dritten Reich" heimgesucht und damit "zum Medium einer verdrängten mitteleuropäischen Geschichte" wird. Als erzählerisches Leitmotiv des von Jaromir Svejdik im kantigen Schwarz-Weiß-Stil gezeichneten, von Jaroslav Rudis mit skurrilen Ideen und reizvollen Querverweisen reich gespickten Comics macht die Rezensentin dabei die Eisenbahn aus, die auf vielfältige Weise mit den Haupt- und Nebenfiguren verknüpft sei und sich immer wieder als treibender Erzählmotor erweise. Beiläufig entfalte sich so ein historisches Panorama des einst multiethnischen Tschechiens und der dort ausgefochtenen Konflikte vom 13. Jahrhundert über die Weltkriege und die sozialistische Phase bis zu heutigen Skinhead-Mobs, das Leiser zufolge die Auswirkungen einer "unterdrückten Vergangenheit" auf die Gegenwart gut veranschauliche.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.03.2012

Im besten Sinne originell findet Klaus Brill die tschechische Graphic Novel von Jaroslav Rudis mit Zeichnungen von Jaromir Svejdik. Es ist nicht nur der erste tschechische Comicroman überhaupt, der zudem zu einem erfolgreichen Film in moderner Rotoskopie-Animationstechnik wurde, weiß der Rezensent zu berichten. Er greift zudem das in der offiziellen tschechischen Geschichtsschreibung lange verschwiegene und verdrängte Thema der Vertreibung der Sudetendeutschen auf, so Brill gefesselt. Erzählt wird die Geschichte von Alois Nebel zur Wendezeit um 1989, der in Nordmähren erst seinen Job als Fahrdienstleiter verliert, und weil ihm die "Geisterzüge" der Vergangenheit durchs Leben fahren, auch noch den Verstand, erfahren wir. Der Autor verlangt seinen Lesern viel Aufmerksamkeit ab. Die Graphic Novel fügt sich in einen Prozess der "Revision des Geschichtsbilds" in Tschechien ein, indem es an die "historische Multikulturalität" des Gebiets erinnert und damit hilft, den "Nebel der Geschichte" zu vertreiben, lobt der schwer beeindruckte Rezensent.

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