J. M. Coetzee

Tagebuch eines schlimmen Jahres

Cover: Tagebuch eines schlimmen Jahres
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783100108340
Gebunden, 235 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. J.C., ehemals bekannter Autor aus Südafrika, jetzt in Sydney lebend, ist die Hauptfigur in "Tagebuch eines schlimmen Jahres", dem neuen Roman von John Coetzee, Literaturnobelpreisträger aus Südafrika, heute in Adelaide lebend. J.C. schreibt bittere Kurzessays über den gegenwärtigen Zustand der Welt als Beiträge für einen Sammelband; Anya, seine Bekanntschaft aus der Waschküche, tippt sie für ihn in den PC; Alan, ihr Freund, ein schlitzohriger kleiner Broker, denkt über einen Zinsbetrug an J.C. nach. Mehrere parallel laufende Handlungsstränge bilden ein kühnes Erzählkonstrukt um J.C. auf dem scharfen Grat zwischen Distanzierung und unerbittlicher Selbstbetrachtung. Coetzees Blick aus nächster Nähe ist atemberaubend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2008

Gisa Funck kann diesem Roman des Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee einiges abgewinnen. Schließlich erfährt sie, auf welche Weise sich ganz ohne Nostalgie Kritik an der globalisierten Gesellschaft üben lässt. Coetzees Kniff mit dem dreistimmigen Text, bestehend aus einem essayistischen, einem innermonologischen Teil der Hauptfigur (eines alternden Schrifstellers) sowie einem weiteren Teil, in dem die hübsche Schreibhilfe nebst ihrem Banker-Freund die politischen Thesen ihres Arbeitgebers kommentiert, dieser Kniff funktioniert, staunt die Rezensentin. Funck ist Zeugin, wie Reflexionen über den Schreibprozess und die Kollision von Lebensphilosophien sich zu einem "faustischen Zweikampf" um die Seele einer Frau entwickeln. Die Botschaft des Buches, wonach das Böse (verkörpert durch den Banker) innerhalb des Systems zu suchen sei, erscheint Funck zwar nicht so wahnsinnig neu, aber weiterhin von leidenschaftlicher Relevanz.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.07.2008

Ein skelettierter Roman? Ijoma Mangold kanns gar nicht glauben. Und siehe da, was ihm erst als Essaysammlung eines alternden Schriftstellers erscheint, entpuppt sich doch als "Wiederkehr" des Romans, immerhin. Dennoch muss Mangold einiges an Lesegewohnheiten über Bord werfen. J.M. Coetzees Bruch mit der Linearität der Buchseite stellt sich Mangold dar als eine Art Partitur, die erst einmal gelesen sein will. Drei Stimmen, die sich die Seite teilen und selten synchron, viel öfter autonom laufen. Als Oberstimme essayistisch, als Mittelstimme von der Beziehung des Schriftstellers zu seiner schönen Sekretärin erzählend und als Unterstimme jene Frau selbst, über ihren Chef plaudernd. Für die Lektüre hat Mangold kein Patentrezept parat. Er selbst liest schon mal nur eine Stimme über mehrere Seiten und blättert dann zurück, um die anderen Stimmen zu lesen. Oder er wechselt zwischen den Stimmen hin und her, um einem Zusammenklang nachzuspüren. Und wozu das alles? Um der Vielstimmigkeit des Romans willen und eines "harten Realismus", meint Mangold, und um der Frage, ob sich was ändert durch das Formexperiment. Eine Frage, die der Rezensent für das Äußerste hält, was kluge Literatur leisten kann.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.06.2008

Für Jörg Plath lotet J.M. Coetzees Buch auf moderne, unsentimentale Weise emotionale Extreme aus. Dass der Autor das Verhältnis zwischen einem alternden Schriftsteller und seiner jungen, schönen Sekretärin mit Hilfe von Freuds Seelenkunde schildert, schreckt Plath allerdings eher ab. Und wenn Coetzee seine männliche Hauptfigur im Stile Montaignes über Zeitgeschichtliches räsonieren lässt, wird er richtig ungeduldig und blättert im Text vor, um zu erfahren, wie es menschlich allzu menschlich weitergeht. Erst als sich das Bild rundet und die weibliche Figur als ideale Einheit von Ästhetik und Ethik den Schriftsteller überstrahlt, zeigt Plath sich "ganz unsentimental" gerührt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.04.2008

Immer schon gab es beim Nobelpreisträger J.M. Coetzee beides: essayistische und fiktionale Texte. Im neuesten Band "Tagebuch eines schlimmen Jahres" ist nun allerdings beides ganz ausdrücklich und schon im Schriftbild miteinander verknüpft. Auf der Erzählebene geht es um den Schriftsteller C (auf den ersten Blick mit Coetzee zu verwechseln, wovor die Rezensentin Angela Schader aber warnt), der den Auftrag bekommt, 31 Texte unter der Überschrift "Strong Opinions" zu verfassen. Die werden nun abgedruckt - und Schader rät dazu, sehr vorsichtig zu sein beim Versuch, die dort geäußerten, nicht immer sehr tiefsinnigen Äußerungen direkt dem Autor Coetzee zuzurechnen. Darunter aber, durch einen Strich in einer Art "Split-Screen"-Verfahren abgetrennt, findet sich eine Erzählhandlung, in der es um die Sekretärin Anya geht, die C begehrt, die aber mit einem verständlicherweise eifersüchtigen Finanzberater namens Alan liiert ist. Die Rezensentin zeigt sich gelegentlich irritiert von diesem Text-Arrangement, hält diese Irritationen aber zuletzt für einen beabsichtigten Effekt und die Folge der Raffinesse dieses Autors.
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