Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518225646
Gebunden, 106 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Sonja Finck. Annie Ernaux erzählt von ihrer Mutter und dem aussichtslosen Kampf gegen die Alzheimer-Erkrankung, von einer großen Liebe und der Zerstörungskraft des Vergessens. Und sie verewigt so, im Moment ihres Verschwindens, den Menschen, der ihr das Leben geschenkt hat.Die Mutter verliert das Gedächtnis - mehr und mehr scheinen ihr die Familie, die Welt, das Leben abhandenzukommen. Annie Ernaux hält die Gespräche mit ihr fest, schreibt sie auf, intuitiv, aus der existenziellen Angst vor dem Verlust, wie gejagt von der Gewalt des Verfalls und der Erinnerungswucht an diese Kranke, die noch immer ihre Mutter ist. Mehr als ein Jahrzehnt bleiben diese Aufzeichnungen in der Schublade. Und doch entschließt sich Ernaux später, diese Seiten zu veröffentlichen, weil es nicht nur ein Bild ihrer Mutter geben soll: sondern die Vielheit der Wahrheiten. So wird die Chronik eines langsamen Abschieds und einer schrecklichen Zerstörung lesbar - aber auch die Pionierleistung Annie Ernaux`, die schmerzhafte Suche nach der Sprache für eine Krankheit, die damals noch kaum beschrieben war.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 21.05.2025
Rezensentin Hanna Engelmeier schätzt Annie Ernaux für ihre Kunst, scheinbare Banalität zu literarisieren. Allein im aktuellen Büchlein ist davon nicht viel zu finden, seufzt die Kritikerin. Nicht ohne Rührung folgt Engelmeier in dem im Original 1997 erschienenen Buch zwar Ernaux' Schilderungen der Demenz ihrer Mutter und des Siechens im Pflegeheim. Vor allem aber geht es um Ernaux' eigene Verlustgefühle, während die Mutter in den Hintergrund tritt, moniert die Kritikerin. Am meisten aber stört sie, dass das hier beschriebene traurige, aber eben nicht ungewöhnliche Schicksal, leider nicht über das Private hinausweist.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 15.05.2025
Für Rezensentin Ann-Kristin Tlusty hebt sich dieses neue Buch von Annie Ernaux von der üblichen Literatur ab, die sich mit demenzkranken Elternteilen auseinandersetzt: Hier ist es die Mutter, die Anfang der Achtzigerjahre erkrankt, sich zunehmend fremd wird, die Rollen zwischen Kind und Elternteil umkehrt. Davon erzählt Ernaux nicht verklärend, sondern mit "schmuckloser, unsentimentaler Sprache", das trostlose Pflegeheim sorgt bei ihr für Schuldgefühle und die Gewissheit, dass sich die Entwicklung der Mutter hin zu einer "erloschenen" Person nicht mehr umkehren wird. Die ungefilterten Gefühle zwischen Liebe, Schock und Ekel sind auch nicht dadurch geschwächt, dass die Autorin sie erst mehr als ein Jahrzehnt nach dem Erleben veröffentlicht hat, versichert Tlutsy, aber der Text unterscheidet sich dergestalt von ihrem üblichen Werk, dass die soziale Herkunft diesmal kaum eine Rolle spielt. Insgesamt liest die Rezensentin in diesem "Tagebuch der Trauer" auch eine große Würdigung der Mutter, wie sie schließt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.05.2025
Tief beeindruckt ist Rezensentin Meike Feßmann von Annie Ernaux' Aufzeichnungen, in denen sie den Krankheitsverlauf ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter schildert. "Erschütternd, traurig,wahrhaftig" erzählt Ernaux die letzten zwei Jahre ihrer Mutter, von einem Autounfall, nachdem es dieser stetig schlechter geht, über den Schock der Diagnose und den Umzug ins Pflegeheim bis zu ihrem Tod. Gerade durch eine reduzierte Erzählweise entfalten die Schilderungen eine enorme Kraft, findet die Kritikerin. Mit "existenzieller Wucht" schildere Ernaux den körperlichen und geistigen Verfall der Mutter in kleinen Sequenzen und mit teilweise erschreckender Detailliertheit. Dabei haben ihre individuellen Schilderungen trotzdem eine Anschlussfähigkeit an Andere, die ein solches Schicksal teilen müssen. Für Feßmann die rührende, schockierende und sehr intime "Liebeserklärung einer Tochter".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2025
Die "Chronik einer zeitlosen Erfahrung" nennt Rezensentin Birgit Schmid Annie Ernaux' "Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus" - ein Text, in dem die Autorin in ihrer gewohnt reduzierten Sprache die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter dokumentiert, deren langsamen physischen und psychischen Verfall sowie die Prozesse, die der Verlust in der Tochter selbst auslöst - die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dessen Zukunft etwa. Eigentlich hatte Annie Ernaux nie vor, den Text zu veröffentlichen, weiß Rezensentin Birgit Schmid. Wie Schmid dazu steht, dass Ernaux sich trotzdem dazu entschieden hat, weil, wie sie erklärt, die Kohärenz des Werkes sie herausfordere, erfahren wir nicht. Dass sich die Rezensentin jedoch der emotionalen Wucht dieser Chronik nicht entziehen kann, sich gegen die Abscheu, die Trauer, die Zärtlichkeit, die daraus sprechen und durch den nüchternen Ton nur noch verstärkt werden, nicht verschließen kann, wird offensichtlich.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 02.05.2025
Annie Ernaux ist in ihrem neuen Buch "unruhiger" als Rezensentin Judith von Sternburg es von ihr gewohnt ist: In Frankreich schon vor über dreißig Jahren erschienen, aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt, schreibt sie hier über ihre an Demenz erkrankte Mutter und sieht selbst einen deutlichen Unterschied zu ihren anderen Büchern, die sie für literarischer, in gewisser Weise abgeschlossen hält. Den "alptraumhaften Pflegealltag im Heim" halte Ernaux ebenso rastlos fest wie ihre innere Zerrissenheit zwischen Erschöpfung durch die Situation und dem Bedürfnis nach Liebe, danach, ihrer Mutter ein würdevolles Lebensende zu bereiten und das Geschehen festzuhalten. Für Sternburg enthält das Buch ausnehmend ehrliche Passagen, die auch Ekel und Scham nicht verbergen, auch den Verlust der Kontrolle über die Situation nicht. Ihr zufolge tragen die bisweilen "konventionellen Sentenzen" gerade zu diesem ehrlichen, dokumentarischen Charakter bei, da sie dem Buch eine Nähe und Unmittelbarkeit verleihen, die selten ist. Der Titel, verrät die Kritikerin zum Schluss, ist der letzte Satz, den die Mutter selbst geschrieben hat: "Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus."