Die Analyse von Normveränderungen auf dem Feld der Familienwerte eignet sich besonders gut, um zu einem breiteren Verständnis gesellschaftlichen Wandels zu gelangen. Dies liegt erstens daran, dass die Familie während des gesamten 20. Jahrhunderts als wichtigste Mikroeinheit der Gesellschaft nach dem Individuum und als zentrale Instanz der Wertevermittlung an die nächste Generation galt. Öffentliche Debatten um die Familie, ihre Strukturen und ihre Werte unterstreichen stets deren Bedeutung für die Gesellschaft. Zweitens entfaltete das Familienideal der weißen "Middle Class" im 20. Jahrhundert eine prägende Wirkung für alle US-Amerikaner/innen. Es diente als Projektionsfläche von Integrations- und Aufstiegshoffnungen, inspirierte aber auch Diversifizierungs- und Abgrenzungsstrategien. Quellen der Studie sind insbesondere die nationale Tages- und Wochenpresse, Grundsatzentscheide des Supreme-Court und ihre Begründungen, Statements von Präsidenten und ihrer Stäbe, Ratgeber-Literatur und zeitgenössische wissenschaftliche Publikationen sowie Veröffentlichungen religiöser Organisationen und sozialer Bewegungen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2019
Barbara Holland-Cunz findet Isabel Heinemanns Studie lesenswert, da die Historikerin darin die Gleichzeitigkeit von Liberalisierungs- und Retraditionalisierungsprozessen aufzeigen kann, die laut Rezensentin die gesellschaftliche Tiefenstruktur nicht nur in den von der Autorin anvisierten USA prägen. Für die Zeit von 1890 bis 1990 sichtet Heinemann drei empirische Felder: Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion, erläutert die Rezensentin. Dass sie dabei alinear vorgeht, erscheint Holland-Cunz sinnvoll. Der Kampf um Werte und Geschlechterrollen im gesellschaftlichen Prozess wird für die Rezensentin so ersichtlich, ohne dass die Lektüre sie langweilt. Der Autorin gelingt eine gut recherchierte, kunstvoll arrangierte und aufregende Sozial- und Kulturgeschichte, so Holland-Cunz.
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