Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Eine Frau rechnet ab: mit sich selbst und ihrem Leben. Bei Kriegsende war Marguerite Andersen zwanzig Jahre alt, 1946 zog die gebürtige Magdeburgerin in die Welt hinaus. Als sie ihrem französischen Mann auf der Suche nach einem Leben voller Freiheit und Abenteuer von Berlin nach Tunis folgt, erlebt sie, früh schon Mutter geworden, stattdessen die Enge einer traditionellen Hausfrauenexistenz. Sie flieht, lässt ihre Kinder zeitweise zurück, geht in andere Länder, stillt ihren Bildungshunger und emanzipiert sich nicht zuletzt durch die Literatur. Marguerite Andersens langer Weg der Befreiung führt sie bis nach Kanada und von der deutschen zur französischen Sprache. Rückblickend fragt sich die Frau, die es zur Literaturprofessorin und erfolgreichen Schriftstellerin gebracht hat, ob der Preis für ihre Freiheit nicht zu hoch war, ob sie sich nicht auf Kosten ihrer Kinder selbst verwirklicht hat. Nein, sagen die längst erwachsenen Kinder, doch so leicht will die Mutter es weder ihnen noch sich selbst oder uns machen. Angeregt von Montaigne und Rousseau, von Marguerite Duras und Gabrielle Roy stellt sie schmerzliche und erkenntnisfördernde Fragen. In diesen Bekenntnissen spiegelt sich ein ganzes Jahrhundert voller Verwerfungen. Sie drehen sich aber auch um einen Konflikt, der bis heute vor allem Biografien von Frauen prägt: der zwischen einer liebenden Frau und Mutter und ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Selbsterfüllung. "Ich, eine schlechte Mutter" ist ein beeindruckendes Dokument der Selbsterfahrung und Selbstreflektion.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.01.2021
Rezensentin Lena Bopp gefällt die Konzentration auf das Wesentliche in Marguerite Andersens Bekenntnissen über ihr Muttersein. Andersens retrospektive "Selbstbefragung" über ihre Rolle als Mutter und die Fehler, die sie ihren Kindern gegenüber begangen haben mag, indem sie sie etwa bei einem gewalttätigen Vater zurückließ, um mit ihrem Geliebten zu sein, findet Bopp lesenswert, glaubwürdig und anregend, weil es die Leserin Position beziehen lässt.
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