Lange vor der Niederschrift seines weltberühmten "Romans eines Schicksallosen" hat Imre Kertész einen kurzen Text geschrieben, der sich wie eine Grundschrift seines Werkes liest: In "Ich, der Henker", einem lange Zeit unpublizierten Textfragment aus den 50er Jahren, schreibt der Holocaust-Überlebende nicht, wie zu erwarten wäre, aus der Perspektive des Opfers, sondern aus der des Täters: Ein Massenmörder legt Rechenschaft ab, zeichnet sich selbst als Rädchen im Getriebe, als Henker wider Willen und verwischt die Grenzen zwischen Täter und Opfer. Bereits in diesem frühen Text zeigt sich Kertész' Überzeugung, dass Opfer und Täter im Totalitarismus austauschbar geworden sind. Sie fügen sich beide in ihre "Schicksallosigkeit", ihren Verlust der Persönlichkeit. Ein Überlebender kann laut Kertész nicht ohne Schuld sein - nur die Toten sind frei von Schuld. Irene Heidelberger-Leonard legt erstmalig eine Werkbiographie dieses Ausnahme-Schriftstellers vor. Sie zeigt, wie eng Kertész' Leben mit seinem Werk verknüpft ist, aber auch wie groß die Freiheiten sind, mit denen er sein Leben in der Literatur gestaltet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2015
Dank Irene Heidelberger-Leonhard ist endlich die erste Werkmonografie zu Imre Kertesz erschienen, freut sich Rezensentin Ilma Rakusa. Und dass diese nicht nur flüssig zu lesen, sondern auch noch über exzellente, feinsinnige Analysen verfügt, bereitet der Kritikerin größtes Vergnügen. Und so erfährt sie hier viel über das autobiografische Fundament, die motivischen Verknüpfungen und intertextuellen Bezüge in Kertesz' Werk, lobt aber nicht zuletzt auch die eindringliche Berücksichtigung der sprachlichen Techniken des Autors.
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