Hugo Claus

Der Schlafwandler

Drei Geschichten
Cover: Der Schlafwandler
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002
ISBN 9783608932478
Gebunden, 190 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Emily und Anna lieben sich, sie sind ein Paar. Doch ihr Leben ist nicht glücklich verlaufen. Und so haben sie sich in einem belgischen Seebad eine Luxus-Hotelsuite gemietet, um gemeinsam aus dem Leben zu gehen. In kurzen und extrem einprägsamen Szenen erfährt der Leser die Stationen eines Scheiterns, das seinen Höhepunkt in einem lautlosen, tödlich endenden Kampf hat ... Diese Geschichte, "Das letzte Bett'" steht im Zentrum dieses neuen Buchs des großen europäischen Erzählers Hugo Claus. Im 'Schlafwandler', der zweiten Geschichte, geht es um einen verwirrenden kleinen Vorfall, in dem ein Mann eine ehemals geliebte Frau wiedertrifft - um sofort ein bizarres Versagen seines Gedächtnisses zu erleiden, das sein Leben in andere Bahnen lenkt. Groteske Verwirrung auch im dritten Text, der die Verklärung und den Verfall einer Frau skizziert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.04.2003

Starker Tobak sind diese Geschichten, findet der Rezensent Martin Zingg. Er bemerkt, dass in jeder der Geschichten "Verdrängtes" eine große Rolle spielt. In den drei Geschichten werden die Protagonisten auf die eine oder andere Art und Weise von ihrer Vergangenheit, von ihrem Familienleben und ihren Lebenslügen eingeholt. Zingg ist angetan von der "kunstvollen Intensität" der Geschichten und auch von Waltraud Hüsmerts Übersetzungsleistung, die "das Kantige und Dichte der Texte auch dort zu bewahren vermag, wo es rätselhaft bleibt". Der Erzählstil vermag, eine gefühlte Ambivalenz wiederzugeben und hinterlässt einen markanten Eindruck beim Rezensenten: der Autor ist seiner Ansicht nach "mehr als ein Spezialist für jene Grauzone, in der sich die Wahrnehmung verschleift und die Sprache nicht mehr alles zu fassen kriegt".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.01.2003

Voll des Lobes ist Rezensent Stefan David Kaufer für diesen Erzählband und den belgischen Autor Hugo Claus. Kaum einen weltoffeneren und moderneren Lyriker habe das Land hervorgebracht, schwärmt Kaufer, und so dürfe man sich Claus zwar als typischen Nachkriegsautor, aber keinesfalls als eine Art belgischen Günter Grass vorstellen. Denn Claus habe nicht nur Belgiens Geschichte und Skandale auf packende Weise in die heutige Zeit gerettet, sondern auch den Surrealismus, meint Kaufer. Was den nun erschienenen Erzählband betrifft, widmet sich Kaufer in seiner Rezension vor allem der titelgebenden Geschichte, in der ein Antiquitätenhändler sein Gefühl für die Wirklichkeit verliert und sich selbst in den Bruchstücken seines Alltags, in Erinnerungen und verzerrten Wiederholungen. Wie Claus dabei selbst in einem kurzen Text ein solch verstörendes Geäst aus Undurchschaubarkeit aufbauen kann, kann der begeisterte Kaufer kaum fassen, ebenso wenig, wie Hugo seine Leser dazu bringt, dem rastlosen Helden mit wachsender Lust hinterher zu taumeln.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002

Am Schluss seiner Besprechung über drei Geschichten aus den Jahren 1990, 1998 und 2000 des 70-jährigen belgischen Romanciers und Lyrikers Hugo Claus spricht Hermann Wallmann der Übersetzerin Waltraud Hüsmert ein großes Lob aus. Die nämlich habe es verstanden, die "bissige Eleganz" und "federnde Unerbittlichkeit" der "altmeisterlichen Prosa" von Claus angemessen ins Deutsche zu übertragen. Die Geschichten selbst erinnern den Rezensenten an ein Triptychon, was in der Konstruktion auch nahe liegt, war doch der Autor in den fünfziger Jahren Mitglied der neoexpressionistischen Künstlergruppe "Cobra", weiß Wallmann. In allen drei Geschichten, die von dem Verhältnis einer Tochter zu ihrer Mutter, eines Mannes zu einer aus seinem Leben verdrängten Frau und schließlich dem dunklen Vorleben einer als unbescholtenen geltenden Klosterschwester handeln, verbinde der Autor, so der Rezensent, "methodische" und "moralische" Aspekte und in allen dreien, ist Wallmann beeindruckt, mache sich der Autor davon frei, mehr wissen zu wollen, als sein Menschenbild es zulasse.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002

Die belgische Provinz ist ewig trüb, ihre Bewohner depressiv, das Leben mehr oder weniger die Hölle - Karl-Markus Gauß kann sich nicht erinnern, schon einmal bei Hugo Claus, dem großen Mann der flämischen Literatur, einen glücklichen Menschen erlebt zu haben. Seinem Thema ist Claus immer treu geblieben, behauptet Gauß, auch wenn Stil und Tonlage häufiger mal wechselten; der Grundton bleibe rau, sarkastisch. Der neue Erzählband umfasst drei Geschichten, von denen Gauß die titelgebende für die schwächste hält. Claus' Meisterschaft sei es, langsam ein Geflecht von Andeutungen, Berichten, inneren Monologen zu entfalten, aus der sich die handelnden Figuren allmählich herausschälten. Dennoch ist vom ersten Moment an Spannung, ein Erzählsog vorhanden, schwärmt Gauß. Er glaubt nicht, dass der Erzähler mit seinen Figuren Mitleid empfindet, Claus werfe vielmehr einen eher sachlichen Blick auf Elend und innere Verzweifelung. Eine kleine Ausnahme stellt darum für den Rezensenten die Erzählung "Die Versuchung" dar, in der eine Ordensschwester einen hinreißenden "Greisenanarchismus" entwickelt.
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