Haruki Murakami

Untergrundkrieg

Der Anschlag von Tokyo
Cover: Untergrundkrieg
DuMont Verlag, Köln 2002
ISBN 9783832156978
Gebunden, 400 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. "Untergrundkrieg" untersucht die Vorgänge und Folgen eines Märztages des Jahres 1995, der als Tag wie jeder andere begann. Doch dann durchlöcherten in der Untergrundbahn einige Mitglieder der Aum-Sekte mit den Spitzen ihrer Regenschirme Plastikbeutel mit einer seltsamen Flüssigkeit. Zwölf Menschen starben durch die austretenden Sarin-Dämpfe, Tausende wurden verletzt. Haruki Murakami hat auf diese Tat geantwortet, indem er mit Angehörigen der Toten, mit Überlebenden aber auch mit Mitgliedern der Sekte sprach. Diese Porträts führen den Schrecken und die Verstörung, die Ungeheuerlichkeit und ihre Folgen dort vor, wo sie sich am überwältigendsten zeigen - beim einzelnen Menschen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.04.2002

Ein Buch über den Terrorismus ist Haruki Murakamis Sammlung von Zeugenberichten über den Giftgasanschlag von Tokyo nach Einschätzung des Rezensent Burkhard Müller nicht geworden, so lieb das dem Verlag gewesen wäre, der es im Hinblick auf gegenwärtige Aktualitäten entsprechend angekündigt habe. Aber dafür ist es ein sehr humanes Buch, freut sich Müller. Soweit sie das Ereignis des Giftgasanschlages selbst betreffen, findet der Rezensent Murakamis Protokolle "enttäuschend": zu schnell geht alles, zu abstrakt bleiben die Schilderungen. Den besonderen Wert und die eigentliche Stärke des Buchs erblickt der Rezensent dagegen in den Einblicken ins alltägliche Leben, den alltäglichen Wahnsinn Japans, die Murakami seinen Lesern gewährt, und die "ganz beiläufig" ein Bild der japanischen Gesellschaft ergeben. Diese Schilderungen haben Müller wahrlich beeindruckt. Ein großes Lob gebührt dabei Murakami, dessen künstlerische Leistung "aus einer Qualität des Menschlichen" hervorgehe.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.04.2002

Ziemlich beeindruckt ist Ingeborg Harms von Haruki Murakamis Studie über den Giftgasanschlag der Aum-Sekte in der Tokioer U-Bahn vor sieben Jahren. Für die Dokumentation der Morgens, an dem das Attentat geschah, hat Murakami Interviews mit Betroffenen, aber auch mit Sektenmitgliedern geführt. Die Einstellungen, die in diesen Interviews zum Ausdruck kommen, und die Nebenschauplätze der Katastrophe, zum Beispiel das Verhalten der Medien, zeichnen nach Harms Meinung ein sehr aufschlussreiches Porträt der japanischen Gesellschaft. Außer, dass sein Buch "die Konsequenzen einer fehlenden Krisenzentrale und Katastrophenlogistik erbarmungslos an den Tag bringt", ergibt es nämlich nach Ansicht der Rezensentin vor allem ein Bild "des sich im Umbruch befindlichen japanischen Charakters". So findet sie etwa bemerkenswert, dass die betroffenen Fahrgäste in der Katastrophensituation kaum miteinander gesprochen haben und statt dessen versuchten, doch noch pünktlich zur Arbeit zu kommen. Auch waren nur zwei Prozent der Betroffenen überhaupt bereit, an diesem Projekt mitzuwirken: "Das Bedürfnis, Gras über die Sache wachsen zu lassen, ist auf allem Seiten groß."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.03.2002

"Behutsam", "engagiert" und "höchst verantwortlich" setzt sich Haruki Murakami in diesem Buch mit dem Japan von heute auseinander, lobt Rezensent Ludger Lütkehaus. Im März 1995 verübte die Aum-Shinrikyo-Sekte von Shoko Asaharas in der U-Bahn von Tokyo einen Giftgasanschlag, bei dem 12 Menschen ums Leben kamen und Tausende teilweise schwere Verletzungen erlitten, erinnert Lütkehaus. Murakami hat Angehörige der Opfer und Mitglieder der Sekte kurze Zeit danach interviewt und diese Interviews 1997 und 1998 in zwei Bänden in Japan publiziert, informiert der Rezensent. Diese Interviews liegen nun auf deutsch in einem Band vor. Lütkehaus hat vor allem eines beeindruckt: die "Einfühlsamkeit", der Respekt und die "Suggestionslosigkeit" eines "hoch begabten" Beobachters und "sensiblen Registrators", der mitfühlend die Opfer porträtiere und mit "frappierender Genauigkeit" die Täter konturiere. Und, ist Lütkehaus beeindruckt, diese Interviews zeigen eine "Innenseite des Terrors", die für islamische, hinduistische und christlich-fundamentalistische Terrorformen noch geschrieben werden muss. "Ein großes Buch", schwärmt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.03.2002

Was geschieht, wenn ein Durchschnittsmensch - meist ein Mann um die dreißig - durch ein unvorhergesehenes Ereignis aus seiner Lebensroutine geworfen wird? So in etwa resümiert Susanne Messmer die Grundfrage in den Büchern von Haruki Murakami. Neu gestellt sieht sie sie in zwei ganz unterschiedlichen Büchern des Autors, dem Roman "Tanz mit dem Schafsmann", der vor 14 Jahren in Japan erschien und nun ins Deutsche übersetzt wurde, und "Untergrundkrieg", eine Befragung von Opfern und Tätern des von der Aum-Sekte im Jahr 1995 begangenen Giftgasanschlags in der Tokyoter U-Bahn. Beide Perspektiven, die auf die Opfer und die auf die Täter, scheint Messmer in diesem Buch sehr interessant zu finden. Bei den Äußerungen der Opfer fällt ihr auf, wie sehr sich Murakami gerade für jene Aspekte des Leidens interessiert, die für Außenstehende nicht nachvollziehen sind. Bei den Tätern hingegen habe sich Murakami besonders für jene interessiert, die aus privilegierten Schichten stammten und in der japanischen Gesellschaft offensichtlich kein anderes Ventil fanden als diese Untat aus religiöser Verblendung.