Herausgegeben von Harald Bodenschatz und Christiane Post. Keine Diskussion über den Städtebau ist ideologisch so aufgeladen wie die Debatte über den frühstalinistischen Städtebau. Nirgendwo sonst in Europa gab es einen so heftigen Streit um den Bau einer besseren Stadt wie 1929-35 in der Sowjetunion. In diesem Spannungsfeld entstand Städtebau im Schatten Stalins. Der Band ist das von der DFG geförderte und prämierte Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts am Schinkelzentrum der Technischen Universität Berlin. Es erhellt erstmalig die gesamte Dimension einer herausragenden Ära der Stadtbaugeschichte. Im ersten Fünfjahresplan hatte sich Stalin zum Ziel gesetzt, das rückständige Agrarland mit internationaler Hilfe in einen modernen Industriestaat umzuformen. Dafür mussten neue Städte gebaut und alte Metropolen umgebaut werden. Magnitogorsk und Moskau stehen für diese doppelte Aufgabe. Die um 1929 noch relativ frei geführte, von der Partei nicht sonderlich beachtete Städtebau-Debatte war seit 1931 mit einer immer stärkeren Einmischung der Führungsgruppe um Stalin konfrontiert. Schnell zeichnete sich ein Paradigmenwechsel ab: die Abkehr von modernen Stadtvisionen und eine Neubewertung der alten Städte. Der Bau der Metro und die Planung des Palastes der Sowjets sind Zeugen dieser neobarocken Wende.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 16.04.2004
Ein Buch, das seinem Gegenstand an Ambition wohl nur deshalb nachsteht, weil es sich bei diesem um das wohl "größte städtebauliche Experiment aller Zeiten" handelte - die Planung der idealen "sozialistischen Stadt" im Anschluss an den sowjetischen Fünfjahrplan 1929. "Vorzügliche" Ausstattung, höchste fachliche Kompetenz, inhaltliche Breite und Genauigkeit, der Einbezug neuester archivarischer Funde und die Reproduktion sämtlicher relevanter Entwürfe, sowie "mehr als 2000 Fußnoten und ein Anhang bedeutender Dokumente" - wir haben es, so der Rezensent Arno Orzessek, mit einem "Standardwerk" zu tun. Und mit überaus interessanter Lektüre: Wer, so Orzessek, "hätte denn vermutet, dass unter Stalin so viele Klassenfeinde bei der elementarsten Frage mitreden durften?" Gemeint sind Architekten wie Ernst May, Albert Kahn und Le Corbusier, die - während in Europa und Amerika die Weltwirtschaftskrise die Arbeit an der Zukunft lahm legte - in der Sowjetunion Städte und Fabrikanlagen planten und um neue urbane Visionen stritten; eine Zeitlang, schreibt der Rezensent, schien "die gänzliche Auflösung der Stadt als 'bürgerliche' Siedlungsform" greifbar zu sein, bis die Partei umschwenkte und eine neue Linie der "Rekonstruktion" des Vorhandenen vorschrieb.
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