Hans Fallada

Kleiner Mann - was nun?

Roman. Erstmals in der Originalfassung
Cover: Kleiner Mann - was nun?
Aufbau Verlag, Berlin 2016
ISBN 9783351036416
Gebunden, 557 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Mit einem Nachwort von Carsten Gansel. Der Weltbestseller erstmals so, wie Fallada ihn schrieb. Zu brisant, um so gedruckt zu werden. Von der Urfassung des Romans, der Hans Fallada am Vorabend der Machtergreifung der Nazis zum international gefeierten Erfolgsautor machte, wurde ein Viertel noch nie veröffentlicht. Der Verkäufer Johannes Pinneberg und seine Freundin Lämmchen erwarten ein Kind. Kurz entschlossen heiratet das Paar, auch wenn das Geld immer knapper wird. Trotz Weltwirtschaftskrise und erstarkender Nazis nimmt Lämmchen beherzt das Leben ihres verzweifelnden Mannes in die Hand. In dieser rekonstruierten Urfassung führt ihr gemeinsamer Weg noch tiefer ins zeitgenössische Berlin, ins Nachtleben und in die von den Roaring Twenties geprägten Subkulturen. Die politischen Probleme der damaligen Zeit werden so plastisch wie in wenigen anderen Texten. Jetzt mit Charlie Chaplin, Robinson Crusoe, Goethe, Wilhelm Busch und dem Prinzen von Wales.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.08.2016

Rezensent Gustav Seibt liebt diesen Text aus dem Jahr 1932 von Hans Fallada, der jetzt in der um ein Fünftel erweiterten Urfassung zu haben ist. Aktuell, wenngleich voller Berliner Jammerkultur, wie Seibt anmerkt, bietet die Abstiegsgeschichte um Johannes Pinneberg dem Rezensenten die Sicht eines "grellen", für Seibt zuweilen etwas dick auftragenden Autors auf Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, aber auch auf die Halbwelt und das Durchwurschteln unter erschwerten Bedingungen. Das ist spannend, bewegend und, wo Fallada statistisch genau ist und die Zusammenhänge von Mangel und Gesinnung aufdeckt, auch erstaunlich frisch, findet Seibt. Dass der Ausgabe keine Aufstellung der Abweichungen zu den bisherigen Fassungen beigegeben ist, bedauert der Rezensent, zumal die wieder eingefügten Passagen eine präzisere Zeichnung der Berliner Subkultur sowie der politischen Spaltungen innerhalb der Gesellschaft offenbaren, wie Seibt feststellt. Die Geschichte wird für Seibt dadurch greifbarer, konkreter und glaubwürdiger.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.07.2016

Rezensent Markus Schwering schätzt Hans Falladas Roman wegen seiner unmittelbaren Darstellung zeitgenössischer Lebenswelt. Umso mehr freut er sich, wenn der Text nun in der ungekürzten Urfassung erscheint, bereichert nicht nur um ein Viertel Textmasse, sondern um Nuancen, Beschreibungen des Berliner-Nachtlebens, des Innenlebens der Figuren und der Subkultur der Erniedrigten und Beleidigten, wie Schwering erklärt. Auch fielen offenbar vulgäre Formulierungen den Kürzungen zum Opfer, stellt der Rezensent fest. Für Schwering ergibt das nun eine nicht etwa weitschweifigere Fassung, sondern eine, die um zeitdiagnostische Schärfe bereichert wird. Dass antisemitische Andeutungen durch die einstmaligen Kürzungen erst ins Buch gelangten, kann Schwering außerdem vermuten. Die neue Fassung ist jedenfalls für rezeptionsästhetisch interessierte wie für "unbefangene" Leser ein Gewinn, meint er.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.07.2016

Mit dem Kleinbürger haben sich viele beschäftigt, weiß Ulrich Gutmair, die verächtlichen Größbürger und Intellektuellen, die Demagogen oder die aggressiven Achtundsechziger. Hans Fallada aber hat ihn wirklich gekannt. Und deswegen, meint der Rezensent, hat der Autor in seinem Romanklassiker von 1932 auch voller Empathie und Verständnis über den armen Johannes Pinneberg und sein Lämmchen geschrieben, über Ohnmachtsgefühle, soziale Scham und politische Resignation. Auch dass Fallada den Kleinbürger mit viel Anstand ausstattet, imponiert dem Rezensenten, der diesen Roman gern den giftigen Anhängern der AfD empfiehlt, die nicht gelernt haben, große Wut von feigem, kleinen Hass zu unterscheiden. Leider sagt der Rezensent nicht, ob und wie sich die jetzt erstmals erschienene, ungekürzte Originalausgabe von späteren Versionen unterscheidet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2016

Rezensent Tilman Spreckelsen lobt die auf dem Orginialmanuskript beruhende, um ein Viertel längere Neuausgabe von Hans Falladas Roman. Wieso man für die Erstausgabe Innenwelten und Urteile der Figuren vereinfachen und den Helden streamlinen musste, kann sich Spreckelsen nicht erklären. Die jetzige Ausgabe der Geschichte des im Chaos der Endphase der Weimarer Republik "auf Sicht manövrierenden" Angestellten Pinneberg scheint ihm zwar nicht grundsätzlich anders, aber doch allemal lesenswerter.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 17.06.2016

Hans Falladas Roman ist für Marc Reichwein noch immer aktuell. Noch mehr allerdings in der nun greifbaren, noch nie zuvor veröffentlichten, um ein Viertel angewachsenen Originalfassung. Viel Spaß macht dem Rezensenten etwa die aus dem Archiv geborgene und eingefügte Ballhaus-Passage über Dating in Zeiten von Tischtelefon und Rohrpost. Sensationell, wie der Verlag marktschreierisch behauptet, ist das für Reichwein zwar noch nicht, doch mehr Zeitkolorit tut dem Text jut, findet er, macht ihn konkreter und authentischer. In Sachen Gegenwartsbezug fällt Reichwein auf, wie gut bei Fallada die Entwicklung von Massenarbeitslosigkeit zu Hass und Erbitterung und Reklusion dargestellt ist, und auch wie klebrig die Rührseligkeit des kleinen Mannes wirken kann.