Hanna Krall

Unschuldig für den Rest des Lebens

Frühe Reportagen
Cover: Unschuldig für den Rest des Lebens
Neue Kritik Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783801503505
Gebunden, 180 Seiten, 17,38 EUR

Klappentext

Bevor die polnische Schriftstellerin Hanna Krall mit ihren Büchern als "Chronistin des Holocaust" weltweit Beachtung fand, ging sie in den siebziger Jahren mit großem Erfolg ihrem Beruf als Reporterin bei der polnischen Wochenzeitung "Polityka" nach. Aus ihren literarischen Reportagen erfuhr der Leser mehr als aus jeder anderen Quelle über den Alltag im kommunistischen Polen, über die Ängste und Träume seiner Bürger. Und das trotz mannifacher Beschränkungen seitens der Zensur. Neben "politischen" Reportagen, wie der über eine Protagonistin von Solidarnoc oder über einen vergessenen Arbeiterführer von 1956, zeigt Hanna Krall eine Vorliebe für skurrile und melancholische Alltagsgeschichten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.10.2002

Zwei Bücher von Hanna Krall geben Gelegenheit, einerseits die journalistischen Anfänge der polnischen Autorin nachzuvollziehen und andererseits ihre jüngsten Erzählungen kennenzulernen, die Marli Feldvoss wie ein Endpunkt von Kralls literarisch-dokumentarischen Schreiben vorkommen.

1.) "Unschuldig für den Rest des Lebens"
Hanna Krall, so führt Feldvoss die polnische Autorin ein, ist hierzulande bekannt als Chronistin der untergegangenen jüdischen Welt Warschaus. Es sei ihr gelungen, "der oral history eine neue Form abzutrotzen" - eine sehr knappe, dichte dokumentarische Prosa. Kralls Genre ist die literarische Reportage, die sie in ihren Anfängen als Reporterin bei der Wochenzeitschrift "Polityka", so sieht es jedenfalls Marli Feldvoss, ziemlich in Reinform praktizierte, wie eine teilnehmende Beobachterin, die anders als ihr berühmter Kollege Kapuscinski keine moralischen oder politischen Appelle mit ihren Geschichten verband. Die frühen Reportagen Kralls stammen weitestgehend aus den 70er Jahren, die Feldvoss beim Wiederlesen durch ihre faktenreiche und zugleich emotionslose Berichterstattung beeindrucken. Sie berichten von kaum noch vorstellbaren Lebensumständen im sozialistischen Polen und von den politischen Ereignissen jener Zeit, sie filtern auf exemplarische Weise das Lebensgefühl von damals heraus - und das fiel, so Marli Feldvoss, verdammt trist aus.

2.) "Ach du bist Daniel"
Selbst der schmale Umfang des jüngsten Erzählungsbandes scheint Marli Feldvoss zu signalisieren, dass Hanna Krall am Ende ihres Weges angekommen zu sein scheint. Wer wie Krall zwanzig Jahre lang als Chronistin des Holocaust fungierte, musste irgendwann an die Grenzen des Sag- und Schreibbbaren stoßen, meint die Rezensentin. Die politische und historische Verortung der beschriebenen Personen und ihrer Geschichten sei verschwunden, heute herrsche überwiegend Namenlosigkeit, führt Feldvoss aus, Kralls neueste Geschichten kennen keinen Anfang und kein Ende. Für sie ein Verweis darauf, dass das Erzählband zwischen den Generationen gerissen ist. Da sich Krall weiterhin als Chronistin verstünde, würde sie die Erinnerungslücken nicht durch Fiktion füllen, es blieben Leerstellen im Text, die Kralls Erzählungen etwas Torsohaftes und zugleich sehr Hermetisches verleihen würden. "Ach du bist Daniel" liest sich für Feldvoss wie ein elegischer Epilog auf die vorangegangenen Erzählungsbände. Für die Rezensentin wird es Zeit, dass sich Krall vom Status der Reporterin verabschiedet und sich als die große Erzählerin bekennt, die sie für Feldvoss tatsächlich ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2001

Im Jahr 1981, als die polnische Regierung den Kriegszustand im Land ausrief, kündigte Hanna Krall ihre Reporter-Stelle bei der Zeitschrift "Polityka" und wurde freie Schriftstellerin. Seither macht sie nicht viel anderes als vorher auch: nämlich Reportagen, meint Marta Kijowska, aber weil sie nun in Buchform veröffentlicht werden, heißen sie eben literarische Reportagen. Die Hauptsache ist: Hanna Krall schreibt gute Reportagen, und dies war auch schon vor 1981 der Fall, sagt Kijowska und lobt Kralls sachlichen, direkten, nie kommentierenden Stil, der die ihr anvertrauten Geschichten transportiert. In den ganz frühen Reportagen geht es um mehr oder weniger heroische Alltagshelden, die den Mühen und Tücken des sozialistischen Mängelsystems trotzen oder anheimfallen; später mischt sich nach Kijwoska mehr und mehr die große Politik ein, die Protagonisten der polnischen Streikbewegung kommen zu Wort, die Hauptakteure des polnischen Widerstandes bekommen ein Gesicht, ohne dass Krall ihre sachliche Erzählweise aufgebe, lobt die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.12.2001

Zwei Gründe gibt es für Katharina Döbler, Hanna Kralls Reportagen aus dem Polen der 70er und 80er Jahre wiederzulesen: einmal als Zeitdokumente, die Zeugnis ablegen von jener Zeit des politischen Aufbruchs, der Streiks und des anschließend verhängten "Kriegsrechts", das zur völligen Lähmung des politischen Lebens und Neuorientierung des privaten Lebens führte; zum anderen wegen ihres unverwechselbar lakonischen Stils, schwärmt Döbler. Die Journalistin halte sich mit eigenen Kommentaren zurück, sie höre den Leute zu und überlasse ihnen das Reden, so dass man "die Berührung des kleinen Lebens mit dem historischen Ereignis" zu spüren bekomme, so Döbler. Den neuveröffentlichten Reportagen ist im übrigen ein Interview mit der Autorin beigefügt, das aus dem Jahr 1985 stammt.
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