Edith Hecht wurde 1944 ermordet, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Sie war eines von mehr als dreihundert behinderten Kindern, die zwischen 1940 und 1945 in der Nähe Münchens vergiftet wurden. Insgesamt fielen allein in Bayern 20000 kranke Menschen der Euthanasie zum Opfer. Nach dem Krieg wurde kaum einer der Täter zur Verantwortung gezogen. Man breitete einen Mantel des Schweigens über dieses furchtbare Kapitel. Der Journalist Markus Krischer arbeitete zwölf Jahre lang an diesem Fall, recherchierte in Archiven und befragte die letzten Zeitzeugen. Er rekonstruiert die Zusammenhänge, nennt die Namen, porträtiert Opfer und Täter: Edith Hecht und die verzweifelt um das Leben ihrer Tochter kämpfenden Eltern. Der Kriegsinvalide Max Gaum, der seinen eigenen Tod herbeisehnte und die Ermordung von Tausenden organisierte. Der spätere Präsident der Bundesärztekammer Hans Joachim Sewering, der als junger Arzt angeblich ahnungslos war.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.01.2007
Es ist an der Zeit, findet der Rezensent Reiner Pommerin, auch das gegen Behinderte gerichtete Euthanasieprogramm des Dritten Reichs wissenschaftlich ausführlich zu untersuchen. Genau dies unternimmt Markus Krischer, und zwar in der präzisen Analyse eines Einzelfalls. Rekonstruiert werden aus Archivmaterial, aber auch in Gesprächen mit Angehörigen und Beteiligten, Leben und Sterben der 1931 geborenen, 1944 ermordeten Edith Hecht. Wie das Unfassbare möglich war, ist die Frage, die den Autor leitet, so der Rezensent. Anlass für weitere Forschung sollte, findet Pommerin, die Erkenntnis sein, dass nachdem das offizielle Euthanasie-Programm unter dem Decknamen T 4 1941 auslief, mit dezentral und vor Ort getroffenen Entscheidungen weiter gemordet wurde. Es stellt sich - wieder einmal - heraus, dass die als Ärzte und Betreuer Beteiligten im Alltag keine Unmenschen waren, sondern "normale Familienväter". Und es zeigt sich - ebenfalls ein vertrautes Muster - dass die Mörder im Nachkriegsdeutschland nicht zur Verantwortung gezogen wurden.
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