Gert Jonke

Geometrischer Heimatroman

Cover: Geometrischer Heimatroman
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2004
ISBN 9783902144676
Gebunden, 146 Seiten, 19,50 EUR

Klappentext

Der Dorfplatz bildet das Zentrum dieses Romans. Um ihn herum liegen die wichtigsten Gebäude: Rathaus, Kirche und Schule - ein ideales Beobachtungsfeld also für die zwei Figuren, die die erzählte "Heimat" jedoch nicht betreten, um, verborgen vor den Augen der anderen, schärfer sehen, hören und in der Folge protokollieren zu können, was an diesem Ort vor sich geht. Mit größter Lust an der Erprobung der unterschiedlichsten sprachlichen Möglichkeiten fängt Jonke diesen schillernden Mikrokosmos ein, wechselt mühelos zwischen Protokoll und untergründiger Satire, zwischen penibler Auflistung von Regeln, die das Leben umstellen, und dem Insistieren auf der Kraft der Poesie: Mit deren Hilfe gelingt es immer wieder, sich auf das Hochseil zu schwingen, in die "raschelnde Luft". Was hier vermessen wird, könnte jedes Dorf sein, es ist immer auch unseres. Schon mit diesem seinem ersten Roman schrieb sich Gert Jonke in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Literatur.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.10.2004

Den Unterschied zwischen einem klassischen und einem kritischen Heimatroman erklärt Roman Luckscheiter so: Ersterer garantiere "affirmativen Lesegenuss", der unsere "Entfremdungsahnungen" kompensiere, während letzterer sich mentalitäts- und sprachkritisch geriere. In diese Kategorie fällt Gert Jonkes "Geometrischer Heimatroman", der aus dem Jahr 1969 stammt und, etwas zur Verwunderung des Rezensenten, nun neu aufgelegt wurde. Damals liebte man die aufklärerische Geste, erklärt er, gerade das Leben in der österreichischen Provinz bot sich als Zielscheibe an, vermutete man dort besonders das falsche Leben, eine verlogene Sprache, eine faschistoide Welt, an der sich Autoren wie Elfirede Jelinek oder Andreas Maier heute noch abarbeiteten. Dieser aufklärerische Impuls verband sich mit einem spielerischen Umgang mit Gattungsformen und Erzähltraditionen, meint Luckscheiter, eine Literatur, die seines Erachtens mehr "darstellerische Raffinesse" als Inhaltlichkeit zu bieten hatte. Die Neuauflage von Jonkes "geometrischen Heimatroman" sollten Autoren daher eher als Aufforderung verstehen, formuliert Luckscheiter sanft seine Kritik, das Genre "kritischer Heimatroman" neu zu in Angriff zu nehmen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.05.2004

Die Begeisterung, mit der andere Kritiker den neu herausgegebenen Roman von Gert Jonke begrüßten, kann Rezensent Jan Bürger "nicht nachvollziehen". Zu strukturlos kommt ihm das Buch daher, das, angeblich geometrischen Strukturen folgend, die Geschichte zweier Fremder erzählt, die nichts anderes vorhaben, als unbemerkt über einen Dorfplatz zu gehen. Im Gegensatz zu Gerhard Rühm, der "das Feld für den Geometrischen Heimatroman" bereits erfolgreich beackert hat, kann man in Jonkes Werk "beim besten Willen" kein Konzept finden, meint Bürger, das "auch vom Publikum" nachvollzogen werden kann. Der Autor sprengt die konventionelle Dramaturgie, konterkariert "alle Gewissheiten" und macht die Irritation zum "Selbstzweck". Dies alles - so urteilt der Rezensent - sei zwar Zeugnis für des Autors Lust, mit Erzähltechniken zu experimentieren, doch der Mangel an Logik und das "Durcheinander" des Heimatromans sei künstlerisch dadurch noch lange nicht zu rechtfertigen. Im Jahr 1969 - als das Buch zum ersten Mal erschien - konnte Jonke mit einem derartigen Stil noch "provozieren", heute bleibt dem Rezensenten "rätselhaft", was an diesem Buch "geometrisch sein soll".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.04.2004

Rezensentin Maja Rettig ist begeistert und dankbar, dass der Verlag Jung und Jung sich des seit über 15 Jahren vergriffenen "Geometrischen Heimatromans" angenommen und das Buch wieder veröffentlicht hat - gerade in Anbetracht der Tatsache, dass die Zeiten für experimentelles Erzählen schlechter geworden seien. Dieser Roman zeichnet sich laut Rettig dadurch aus, dass er völlig "auf Handlung und Figuren" verzichtet und trotzdem den "Charakter eines Dorfes deutlich" macht. Letzteres findet die Rezensentin wirklich erstaunlich: "Verblüffend, wie viel Jonkes Formfreiheit zeigt und eröffnet, bei aller formalen Selbstbeschränkung." Absurd-märchenhafte Momente kommen ebenso vor wie ausführliche Beschreibungen, die auf "ein ritualisiertes und bürokratisiertes Leben" rekurrieren. Die "Bürokratie der Willkür", die hier beschrieben wird, entfaltet zugleich nach Rettigs Meinung einen "wilden Witz". Ihre Begeisterung fasst die Rezensentin in einem knappen Fazit zusammen: "unentbehrlich".