Theoriebewußt und ertragreich liest und interpretiert die Studie zwölf Liebesgeschichten der Goethezeit, bringt diese in Zusammenhang mit zeitgenössischen Theorien zu Körper und Seele und bündelt die Ergebnisse unter der Perspektive von Michel Foucaults Schriften und der Gender Studies: Unter Einbeziehung der Kategorie Geschlecht geht sie so der Konstruktion des bürgerlichen Subjekts im Kontext der Wissenschaften vom Menschen in literarischen Texten um 1800 nach. Die Lesefrüchte werden mit sprechenden Zitaten aus Lichtenbergs Sudelbüchern erhellt und kapitelweise auf den Punkt gebracht.
Seitdem sie sich von Foucault hat inspirieren lassen, so der Rezensent Jörg Ahrens, schaut die Literaturwissenschaft auch des öfteren über ihre eigene Nasenspitze hinaus und sucht die Beziehung zu anderen Wissenschaften und Lebensbereichen, wie etwa zu den Naturwissenschaften oder zur Soziologie. Ein Beispiel dafür ist Gabriele Scherers Studie über Liebesgeschichten um 1800, erklärt Ahrens. Die Autorin untersuche die Texte auf das "Verhältnis von Körper und Seele" hin und versuche, dieses Verhältnis mit zeitgenössischen sozialen und medizinischen Geschlechterkonzepten in Verbindung zu bringen. Doch der Rezensent ist enttäuscht: die Kapitelüberschriften und die "Lichtenberg-Motti" versprechen einiges, das jedoch nicht eingelöst wird. Scherers Erkenntnis, "dass Weiblichkeit in der Literatur pathologisiert wird", sei nun wirklich "nicht allzu neu". "Einigermaßen originell dagegen, dass diese Pathologisierung "anerkannten medizinischen Mustern folge". Ansonsten eher "alte Hüte".
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