Mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Fernando Esposito erzählt eine Geschichte und Theorie historischer Zeiten und plädiert für einen Aufbruch ins wilde Dickicht einer vielzeitigen Geschichte.Wie die Zeit eine Geschichte hat, hat auch die Geschichte eine Zeit. Fernando Esposito nimmt beides - die Geschichte der Zeit und die Zeit der Geschichte - in den Blick, lotet die unterschiedlichen Bedeutungen der Formel der 'Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen' aus und fragt nach ihrem Wandel, ihrer Struktur und ihrer Funktion. Hierzu reist das Buch von Bielefeld nach Neapel, erklimmt den bundesrepublikanischen Elfenbeinturm ebenso wie die Hänge des Vesuvs und durchstreift die Macchia des Mezzogiorno. Da eine Geschichte der Gleichzeitigkeit ihrerseits vielzeitig sein muss, geht es von der Zwischenkriegszeit und der Zeit nach dem Boom in die Spätaufklärung und von dort ins Risorgimento. Esposito schildert, wie sich Zeit und Geschichte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wandelten und was Reinhart Kosellecks Historisierung des Historismus damit zu tun hatte. Mit dem Protogeologen Sir William Hamilton erkundet es die vulkanische Zeitschaft am Golf von Neapel, geht aber auch der Verzeitlichung der Erde und der Geburt der Zeitschichtenmetapher nach. Zuletzt handelt das Buch von süditalienischen Briganten, ihren Gegnern und Historikern, vor allem aber von der chronopolitischen Funktion der Verungleichzeitigung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2026
Rezensent Ulrich van Loyen denkt mit dem Konstanzer Historiker Fernando Esposito über das "Denkmotiv" der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" nach. Esposito gelingt es dabei laut Loyen, die sozialen, geschichtstheoretischen und medialen Bedingungen des Topos im Italien ab 1861 herauszuarbeiten und seine Wirklichkeit zu erkunden. Welche Rolle medialen Bildern dabei zukommt, etwa in den Filmen Rosssellinis, erörtert der Autor für van Loyen leider etwas zu knapp.
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