Felix Hartlaub

In den eigenen Umriss gebannt

Kriegsaufzeichnungen, literarische Fragmente und Briefe aus den Jahren 1939 bis 1945. 2 Bände
Cover: In den eigenen Umriss gebannt
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518413326
Gebunden, 1124 Seiten, 64,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Gabriele Liselotte Ewenz. Was Felix Hartlaub hinterließ, besteht im Kern aus den "Kriegsaufzeichnungen", die vor allem nach einer Abordnung des jungen Historikers ins besetzte Paris, später an wechselnden Orten im "Sperrbezirk" des Führerhauptquartiers, Abteilung Kriegstagebuch, entstanden. In den Skizzen, Beobachtungen und kleinen eigenständigen Erzählungen entfaltete sich die Begabung dieses Chronisten unter der Tarnkappe des unauffälligen Flaneurs und zurückhaltenden Büroarbeiters. Skeptisch gegenüber der offiziellen Geschichtsschreibung, bestand er auf dem Wert persönlicher Aufzeichnungen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.08.2002

Der Schriftsteller Felix Hartlaub war ein Wunderkind, das nie recht in die Welt der Erwachsenen gefunden hat. Das jedenfalls ist die These des Rezensenten Michael Buselmeiers, der noch den Blick des Autors auf den engsten Umkreis Hitlers, zu dem er gehörte, als den eines "frühreifen Knaben" beschreibt, der "die Erwachsenenwelt mustert." Erstmals vollständig sind nun die Kriegstagebücher Hartlaubs nachzulesen, Briefe aus den Jahren 1938 bis 1945 dazu. "Brillant" sind die Beobachtungen, die sich da finden, allemal, Buselmeier sagt es mehrfach, nicht zuletzt gerade deshalb aber auch irritierend, weil beinahe unmenschlich. Hartlaub ziehe sich zurück ganz auf die präzise Beschreibung, verzichte auf jede Wertung, sei auch politisch nicht zu fassen. Anders die Briefe. In ihnen wird, so der Rezensent, das "Unglück" Hartlaubs deutlich, sein Gefühl der "Alleinität" im soldatischen, wenn nicht überhaupt: im erwachsenen Umfeld.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.07.2002

Da freut sich der Rezensent: Eine Edition, die den Schriftsteller und Historiker Felix Hartlaub wiederentdeckt und dabei einiges zurechtrückt. So werden die vormals als "Tagebücher" gehandelten Momentaufnahmen, Aufzeichnungen und Skizzen des Flaneurs Hartlaub endlich als fiktive Texte erkennbar; "nach der neuen, philologisch korrekten Ausgabe von Gabriele Lieselotte Ewenz ist kein Zweifel mehr möglich", erklärt Peter Schöttler anerkennend. Bei der Edition der 200 zum Teil erstmals zu lesenden Briefe Hartlaubs sieht Schöttler eine quasi umgekehrte Klarstellung vorgenommen: Private und politische Rücksichten, die "verklärende Perspektive" früherer Ausgaben, werden zugunsten eines rein dokumentarischen Blicks überwunden. Dieser Umstand, zusammen mit der Berücksichtigung auch der "erotischen Nöte" Hartlaubs (ein ödipaler Komplex und die Liebe zu der viel älteren Erna Gysi), meint der Rezensent, ergibt einen Hartlaub ohne Heiligenschein, der uns aber nicht weniger sympathisch ist. Kritisch dagegen sieht Schöttler das mangelhafte Lektorat des Bandes sowie die Ausklammerung von Hartlaubs wissenschaftlicher Arbeit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.06.2002

Rezensent Wolfgang Schneider zeigt sich hellauf begeistert von den Kriegsaufzeichnungen, Fragmenten und Briefen Felix Hartlaubs, die nebst einer Einführungen in Leben und Werk und einem Kommentar nun in der "bisher aufwendigsten" Hartlaub-Edition vorliegen. Schneider hält den 1913 geborenen, 1945 im umkämpften Berlin verschollenen Hartlaub, der als Historiker unter anderem am offiziellen Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) mitarbeiten musste, für eines der "außergewöhnlichsten Talente der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts". Seine "Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg" gehören nach Einschätzung Schneiders zu den "bedeutendsten Darstellungen des Lebens im Dritten Reich". Schneider verfolgt die wichtigsten Stationen in Hartlaubs Leben, und berichtet insbesondere von seiner Zeit im "Sperrkreis II", zu dem Hartlaub als Mitarbeiter des Kriegstagebuchs des OKW gehörte. Er zeichnet dabei das Bild eines unpolitischen, äußerst sensiblen, introvertierten Außenseiters, der an der Sinnlosigkeit des Krieges, am eintönigen und blasierten Arbeitsalltag, an seiner sozialen Verkümmerung mehr und mehr verzweifelt. Seine Aufzeichnungen und Briefe sind Ansicht Schneiders keine schnelle, aber eine faszinierende Lektüre. "Dank der fesselnden Biografie in Briefen", so Schneider abschließend, "erschließen sich die literarischen Texte sehr viel eindringlicher: als artistische Prosa und einzigartiges Zeitdokument zugleich."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2002

Der Ende des Krieges umgekommene Autor und promovierte Historiker Hartlaub gilt, den Informationen von Rezensent Eberhard Rathgeb zufolge, als "früh Unvollendeter". Schon 1951 habe die Literaturkritik den Verlust dieser Prosa-Begabung "ersten Ranges" beklagt. Seit dieser Zeit seien auch immer wieder literarische Texte Hartlaubs veröffentlicht worden. Nun lägen erstmals die vollständigen Texte seiner Kriegsaufzeichnungen und Briefe vor, darunter auch solche, die bislang als verschollen galten. Doch nach Ansicht des Rezensenten sind diese fragmentarischen Texte insgesamt kaum in der Lage, den jungen Felix Hartlaub im literarischen Bewusstsein wieder lebendig werden zu lassen. Eher seien sie "eine Beigabe zum Verständnis eines nicht ganz einfachen Menschen". Dennoch wünscht der Rezensent, wenigstens den "beklemmend lebendigen" "Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier" von 1944 viele Leser und hofft auf ihre Aufnahme in den "Bestand der deutschen Literatur".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.06.2002

Es war ein Zusammentreffen von äußerster Unwahrscheinlichkeit: das bürgerliche, antimilitaristisch gesonnene literarische Wunderkind Felix Hartlaub - der, so Gustav Seibt, "vielleicht begabteste Schriftsteller seiner Generation" - gerät in Hitlers Tross und wird Mitarbeiter am offiziellen Kriegstagebuch der Wehrmacht. 1945 verschwand Hartlaub spurlos, jetzt werden aus dem Nachlass (erstmals) 233 Briefe aus den Jahren 1938 bis 1945 veröffentlicht, aber auch (seit 1951 zugängliche) Aufzeichnungen und "erzählerische Versuche". Neben dem bekannten und gerühmten "satirischen Beobachterblick" lernt man nun auch das "innere Drama" Hartlaubs kennen, das einem, wie Seibt findet, "Mitleid für den Menschen" einflößt. Hartlaub schrieb mit vierzehn seine ersten Novellen, verfasste als Student historische Erzählungen, seine Promotion über die Seeschlacht von Lepanto war, so Seibt, "bezaubernd geschrieben". Die Förderung des Vaters aber erlebte er bald als "Überforderung", das Soldatendasein trieb ihn in eine "schaurige Alleinität". Seibt bewundert an Hartlaub die "Spannweite" der Sensibilität, nennt das ganze ein "großes, erschütterndes Textkonvolut" und warnt mit allem Nachdruck nur vor den Fußnoten, die nichts so sehr belegen, meint er, wie die Ankunft der "deutschen Bildungskatastrophe" im akademischen Betrieb.

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