Emmanuel Carrere

Amok

Cover: Amok
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783100102201
Gebunden, 186 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Irmengard Gabler. Alles begann ganz harmlos: Eine versäumte Medizin-Klausur, eine kleine Lüge, die größere nach sich zog, und der Student Jean-Claude Romand kam aus dem Tritt. Um den schalen Geschmack seiner Erfolglosigkeit zu kaschieren, entwickelte er ein Doppelleben: Jahre später glaubte jeder in dem zweifachen Vater einen Arzt der Weltgesundheitsorganisation zu sehen. Nach außen ein gelungenes Leben, aber nichts war echt. Schließlich treibt die unablässige Mimikri ihn in die Ecke, er löscht seine Familie aus und will sich selber richten: Amok. Die Abgründigkeit dieser Geschichte scheint von Dostojewskij zu stammen, und doch hat sie sich 1993 in einem kleinen französischen Ort an der Schweizer Grenze zugetragen. Vor aller Augen entspannte sich eine Tragödie und niemand, nicht einmal die Ehefrau, hatte nur das geringste geahnt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2002

Das Buch, das kein Roman ist, schildert das Leben eines vielfachen Mörders, das, in den Worten des Rezensenten Stefan Maus, "eine einzige Fiktion" gewesen ist. Aller Welt, Frau und Kind und Geliebter, hat er vorgespielt, ein höchst angesehener WHO-Mediziner zu sein, statt ins Büro geht er im Wald spazieren und liest gemütlich Zeitung. Nach siebzehn Jahren fliegt der ungeheure Bluff auf, der Hochstapler tötet Frau, Kinder, Eltern, schluckt Tabletten und überlebt. Nicht anders als nüchtern lässt sich, meint der Rezensent, eine solch "atemberaubende" Geschichte erzählen - und in den besten Passagen gelinge das Carrère auch. Leider aber hat das Buch offenbar auch eine Menge schlechter Passagen, in denen der Autor "altkluge Binsenweisheiten" verbreitet und sich mit der "selbstgefälligen" Darstellung der eigenen Gewissensqualen in den Vordergrund drängelt. Auf der Habenseite stehen, so Maus, die "solide Recherche" und eine psychologische Deutung, die einleuchtet.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.11.2001

Der Roman "Amok", an dem Emmanuel Carrere sechs Jahre lang gearbeitet hat, basiert auf einem authentischen Fall, so Klaus Siblewski: 1993 hatte ein Mann namens Jean Claude Romand zunächst ohne erkennbaren Grund fünf seiner nächsten Angehörigen umgebracht, der anschließende Selbstmordversuch misslang. Dass Carrere mit seinem Roman weit über die "simple Schilderung eines Kriminalfalls" hinausgeht und dabei intensive Recherchen zum Hergang der Tat, zur Gerichtsverhandlung und Gespräche mit Zeugen einbezieht, begeistert den Rezensenten. Die Beschreibung eines Mannes, der aufgrund einer jahrelang aufrecht erhaltenen Lebenslüge Mord begeht, ist für Siblewski deshalb so überzeugend, da der Autor dabei moralische Wertungen und Besserwissereien unterlässt. Gerade die Orientierung an den Fakten und die Tatsache, dass es der Autor bei einer "Annäherung" an die Person eines Amokläufers belässt, machen das Buch laut Siblewski zu einer faszinierenden Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.08.2001

Dieses Buch hat eine Vorgeschichte, auf die Martin Ebel zwangsläufig zu sprechen kommt und darum auch für seine Kritik einen längeren Vorlauf braucht. Denn der Autor hat schon zweimal den Versuch gemacht, über diesen authentischen Fall zu schreiben: Ein Mann wird zum Mörder an seiner Familie, um zu vertuschen, dass er kein Arzt war. Ein fiktiver Roman sei dabei bereits herausgekommen (dt. "Schneetreiben"), der laut Ebel den wahren Mörder dazu gebracht hat, mit dem Autor Kontakt aufzunehmen. Nun also ein zweiter Anlauf, bei dem für Ebel des Autors Fassungslosigkeit im Vordergrund steht. Das mache zugleich seine Schwäche aus, denn Carrère könne "keine Erklärung", sondern "nur eine Theorie" bieten, schreibt der Rezensent: dass nämlich die wahre Person völlig hinter der von ihm aufgebauten Fassade verschwunden sei, eine leere Hülle, die sich jetzt völlig zur Religion bekehrt und damit selbst vom Sünder zum Heiligen befördert habe. Das Buch ende, so Ebel, "in sympathischer Unschlüssigkeit".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.04.2001

Der Autor, erklärt Sacha Verna, bewegt sich im Grenzbereich zwischen Tatsachenbericht und Literatur. Auf den Spuren eines Mannes, der achtzehn Jahre lang ein Scheinleben geführt hatte, bevor er seine Familie umbrachte, kommt Emmanuel Carrère allerdings ins Schleudern. Eine Antwort auf die Frage, wie ein solches Scheindasein eigentlich möglich ist, schickt Verna voraus, findet der Autor weder in den Gerichtsakten noch in den Gesprächen mit Freunden und Verwandten der Opfer oder mit dem Täter selbst. Stattdessen gerät ihm der Text zu "einer Meditation über den Schriftsteller als Schöpfer 'falscher' Wirklichkeit". Weil Carrère seine Sache aber gut macht ("lehrreich und bedeutungsvoll, auch wunderbar schnörkellos geschrieben ... spannend"), ist ihm Verna wegen dieses Schlenkers nicht böse. Die eingestreuten religiösen Grübeleien des Autors dagegen hätte sie lieber nicht gelesen.
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