Dzevad Karahasan

Die Schatten der Städte

Essays
Cover: Die Schatten der Städte
Insel Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783458174516
Kartoniert, 80 Seiten, 17,80 EUR

Klappentext

Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Dzevad Karahasan, beheimatet in den literarischen Traditionen der antiken, der islamischen und der christlichen Welt, hat eine unzeitgemäße Auffassung vom Handwerk des Schreibens. Die Architektur eines Romans, seine vielschichtige Zeitstruktur, seine sprachliche Polyphonie verdankt sich einer ästhetischen Erfahrung der Stadt. Der Gegensatz von öffentlichen und privaten Räumen, die Begegnung, ja Konfrontation mit dem Andersartigen erzeugen Spannungen, die in der Narration ausgetragen werden. Exemplarisch für diese poetologische Erkenntnis steht Sarajevo, eine Stadt, die - wie Karahasan an Werken von Ivo Andric zeigt - ein raffiniertes, perspektivisch reiches Erzählen geradezu erzwingt, um dem Nebeneinanderbestehen verschiedener kultureller Traditionen und religiöser Praktiken an einem einzigen Ort gerecht zu werden. Man könnte auf die Idee kommen, Sarajevo sei eine Stadt, die entstanden ist, damit die Narration irgendwo einen Heimatort finde.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.07.2010

Diese Essays lehren den Leser, genau hinzugucken, auch das Abseitige zu bemerken, erzählt Ilma Rakusa noch voll des Leserglücks. Die "bescheidene Gründlichkeit" dieses Autors ist für sie der Hauptfaktor für die große Qualität dieser meisterhaften Essays über Fragen der Zeit-Raum-Problematik in der Literatur und Erzählformen, die sich am Modell der Stadt orientieren. Besonders erstaunlich findet die hier rezensierende Schriftstellern und Literaturwissenschaftlerin, wie es Dzevad Karahasan gelingt, etwa Sophokles' 'König Ödipus' oder Kleists 'Prinz Friedrich von Homburg' "allein aufgrund raumzeitlicher Strukturen zu deuten". Was genau das bedeutet, versteht man in ihrer Kritik zwar nicht so recht, aber Rakusas Begeisterung ist unzweifelhaft. Lob geht auch an die "geschmeidige" Übersetzung Katharina Wolf-Griesshabers.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.06.2010

Der bosnische Autor Dzevad Karahasan tritt in seinen Essays als Ich-Erzähler nur selten auf und besinnt sich dafür auf die kaum geübte Technik des Paraphrasierens, stellt ein sehr eingenommener Lothar Müller fest. Mit Michail Bachtins Begriff des "Chronotopos", der "Raumzeit" ausgerüstet, durcheilt der Autor Geschichte und Gegenwart und kommt zu überraschenden Gegenüberstellungen, so der Rezensent. Fasziniert folgt Müller beispielsweise den Ausführungen zum "bukolischen Chronotopos" am Beispiel der antiken Pastorale, die dann ebenso verblüffend wie überzeugend bei Franz Kafka als "Ausnahme und Grenzfall" landen und so augenfällig machen, dass die Idylle eine Welt ohne "Entkommen" ist. Und auch der "Chronotopos" Karahasans selbst tritt dem Leser im Sarajewo von heute und aus der Zeit des Bosnienkrieges entgegen. Indem der Autor den typischen "'platonischen'" Humor als Reaktion auf die Zerstörung und die Heckenschützen beschreibt, wird deutlich, wie sehr Karahasan auf die poetischee Formen vertraut, die Erinnerungen dann noch konservieren, wenn sie bei den Menschen schon fast vergessen sind.
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