Ivo Andric

Die verschlossene Tür

Erzählungen
Cover: Die verschlossene Tür
Zsolnay Verlag, Wien 2003
ISBN 9783552052628
Gebunden, 302 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Serbokroatischen von Milo Dor, Reinhard Federman, Werner Creutziger und anderen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Karl-Markus Gauß. Der weltweite Ruhm des Nobelpreisträgers Ivo Andric geht zurück auf die beiden großen Chroniken, die er während des Zweiten Weltkriegs schrieb: "Brücke über die Drina" und "Wesire und Konsuln". Weniger bekannt ist, dass Andric auch kürzere Prosatexte geschrieben hat, die in seiner Gegenwart, in der Ära der beiden Jugoslawien nach 1918 und nach 1945 spielen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2004

Eine uneingeschränkte Empfehlung für die gesammelten Erzählungen des Nobelpreisträgers Ivo Andric gibt Wolfgang Schneider in der FAZ ab. "Klarheit, Genauigkeit, Anschaulichkeit bestimmen den Stil" des Bewunderers von Tolstoi und Thomas Mann. Das gilt gleichermaßen für die Beschreibung des Gestanks einer Wunde beschreibt mit "verstörenden Details" wie für die psychologische Durchdringung der Figuren: "Man mag diese Nervenkunst um so mehr bewundern, als Autoren heute oft dafür gelobt werden, wenn sie ihre Figuren möglichst unverstanden vor den Leser hinstellen", schreibt Schneider. Obwohl Andric sich als Realist verstanden hat, nehmen sich seine Geschichten aus dem Grenzgebiet von habsburgischem Okzident und osmanischem Orient für uns Heutige "ziemlich phantastisch und exotisch aus", räumt der Rezensent ein, und auch thematisch gehe es bunt zu: Von der Ehe über ethnische Spannungen bis zum "Kolonialismus mitten in Europa" lässt Andrics politisch nicht zu vereinnahmende Kunst nichts unverwandelt. Nur eines findet Schneider an dem Autor auszusetzen: "Einwenden ließe sich, dass er die Problematik seiner Gestalten manchmal ins pittoresk Sonderlingshafte überpointiert." Aber das war?s auch schon an Kritik.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.01.2004

Andreas Breitenstein ist sichtlich begeistert von diesem Erzählband und steht noch ganz im Bann der düsteren Geschichten. Der aus Jugoslawien stammende Ex-Diplomat und Literaturnobelpreisträger von 1961, Ivo Andri (1892-1975) zeige in diesen Erzählungen "aus der Zwischenkriegszeit" all seine Qualitäten: "den Horizont des Historikers und die Schärfe des Zeitkritikers, die Empathie des Psychologen und die Unerbittlichkeit des Skeptikers". Andris Helden sind Kleinbürger, die versuchen, die "auf dem Balkan aufziehende Moderne" zu nutzen, um gesellschaftlich aufzusteigen. Sie scheitern fast immer, werden "Opfer der eigenen hochfliegenden Pläne und hochfahrenden Träume", so der bewegte Rezensent. Selbst wenn nur wenig passiere, vermag dieser Autor "glänzend Stimmungen zu schaffen und Spannungen zu erzeugen, wie denn seine Prosa generell durch Detailreichtum und Anschaulichkeit besticht". Da ist es nur folgerichtig, dass die einzige Geschichte, die gut ausgeht, einen Sieg der Kunst feiert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.11.2003

Robin Detje stellt zwar fest, dass sich dieser Band mit Erzählungen des 1975 gestorbenen bosnischen Autors Ivo Andric zum Teil mit anderen deutschen Ausgaben überschneidet. Aber, schwärmt der Rezensent, von Andric kann man eben "nicht genug" bekommen. Als "typisches Element" der Prosatexte beschreibt Detje ihr plötzliches und überraschendes Ende und er glaubt, dass es dem Autor in seinen Erzählungen vor allem darum geht, Gewalt und Tod als gleichberechtigt neben die Schönheit des Lebens zu stellen. Die Erzählungen zeigen, dass Andric "besessen vom Tod" ist, bemerkt der Rezensent, wobei er meint, dass im Zuge dessen "einige der schönsten Leichen der Weltliteratur" entstanden sind. Detje ist begeistert von der "großen Kraft" dieser Texte". Besonders beeindruckt ihn die seltsame "Bestimmtheit", mit der der Autor seine Geschichten erzählt. Dass allerdings der Herausgeber auf alles verzichtet hat, was eine historische Einordnung der Erzählungen ermöglichen würde, wundert und enttäuscht den Rezensenten. Wenigstens das Entstehungsdatum der Texte hätte man doch angeben können, moniert Detje, den es sehr interessiert hätte, in welchem biografischen und politischen Kontext Andric die einzelnen Prosatexte geschrieben hat.
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