Dipesh Chakrabarty

Europa als Provinz

Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung
Cover: Europa als Provinz
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010
ISBN 9783593392622
Kartoniert, 224 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Robert Cackett. Als Mitbegründer der "Subaltern Studies" ist der indische Historiker Dipesh Chakrabarty einer der Vorreiter der postkolonialen Geschichtsschreibung. Seine einflussreichen Schriften umfassen ein breites Spektrum, das von der Geschichte der Arbeiterklasse bis zur Herausbildung einer Mittelschicht im kolonialen Indien reicht, aber auch die Geschichte der indigenen Völker Australiens und globale Risiken wie die Klimakatastrophe umfasst. Mit seinen Arbeiten hat Chakrabarty außerdem wesentlich zu einer Kritik des Eurozentrismus in den Geistes- und Sozialwissenschaften beigetragen, zugleich aber auch auf die Schwierigkeiten, diesen zu überwinden, hingewiesen. Seine Studien verdeutlichen die Grenzen der Anwendung zentraler Kategorien der europäischen Moderne, wie Aufklärung und Säkularisation, für eine Analyse nicht westlicher Gesellschaften. Die in diesem Buch versammelten Aufsätze geben erstmals in deutscher Übersetzung einen Überblick über die wichtigsten Thesen und Forschungen von Dipesh Chakrabarty.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2011

Eine Geschichtsschreibung, die ohne (auto-) biografische Aspekte nicht zu leisten ist, darin ist der Autor Meister. Den indischen, in Chicago lehrenden Historiker Dipesh Chakrabarty kennt Otto Kallscheuer als Mitbegründer der Schule der "Subaltern Studies", die mit Antonio Gramsci Entkolonialisierung von unten, mit dem Blick der Unterworfenen beschreibt. Den vorliegenden Band mit "präzis" ins Deutsche übertragenen Schriften Chakrabartys hält Kallscheuer für eine gute Auswahl. Und weil der Autor gekonnt mit europäischen Konzepten jongliert, um die Ambivalenzen der nachkolonialen Situation zu analysieren, auch für ein wichtiges Buch.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.03.2011

Dipesh Chakrabarty, Mitbegründer der "Subaltern Studies" und Pionier der "postkolonialen" Historiografie macht sich in seinem neuesten Werk erneut daran, Europa in der Geschichtsschreibung einen neuen Platz zuzuweisen, stellt Thomas Speckmann eingenommen fest. Der Autor plädiert für eine "Provinzialisierung" Europas, die den eurozentristischen Blick auf die Geschichten anderer Gesellschaften ablösen soll, so der Rezensent einverstanden. Das gedankliche Dilemma, dass man sich einerseits von der Vorstellung Europas als Maßstab geschichtlicher Entwicklung lösen sollte, andererseits dabei auf "europäisches Denken" nicht verzichtet werden kann, ist zwar vertrackt, muss der Rezensent zugeben. Andererseits lässt sich Speckmann aber durchaus davon überzeugen, dass erst das europäische Denken mit seinen "emanzipatorisch-visionären" Ideen Kategorien und Vokabular dafür bereitstellt. Und so stellt es den Opfern europäischer Kolonisierung gerade die Begriffe und Denkmuster zur Verfügung, die zur Kritik europäischer Herrschaft eingesetzt werden können, so der Rezensent, der Chakrabartys Thesen nicht zuletzt dieser Tage in Nordafrika bestätigt sieht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2011

Der hier rezensierende Historiker und Afrikanist Andreas Eckert würdigt zwar anerkennend Dipesh Chakrabartys Sammelband "Europa als Provinz" als gutes Überblickswerk zu Positionen "postkolonialer Geschichtsschreibung". Er bedauert aber, dass der in Chicago lehrende indische Historiker nicht näher auf die beispielsweise von Frederick Cooper formulierten Einwände eingegangen ist, die seinen Gegenentwürfen zum eurozentrischen Blick in der Historiografie entgegengehalten wurden. Der Band versammelt vornehmlich Texte aus Chakrabartys Büchern "Provincializing Europe" und "Habitats of Modernity" und ist ergänzt durch ein Interview von Ralf Grötker über "Subaltern Studies", erklärt der Rezensent. In letztgenanntem legt Chakrabarty seine Position unter einer durchaus heterogenen Gruppe von Historikern dar, die sich für eine Geschichtsschreibung "von unten" engagieren, erklärt der Rezensent. Er betont noch einmal, dass er sich eine kritische Auseinandersetzung mit Einwänden gewünscht hätte, findet aber dennoch, dass dieser Band ein gutes Einstiegswerk ins Oeuvre eines der "wichtigsten Vertreter postkolonialer Geschichtsschreibung" bietet.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.12.2010

Der indisch-amerikanische Historiker Dipesh Chakrabarty gehört neben Edward Said, Homi Bhabha und Gaytri Chakravorty Spivak zu den wichtigsten Theoretikern des Postkolonialismus, informiert uns Rezensent Jürgen Osterhammel. Für die deutsche Ausgabe dieses im Original bereits 2000 erschienenen Buchs wurden nur einige Kapitel - "leider nicht durchweg die besten", klagt der Rezensent - übersetzt. Dafür sind neuere Aufsätze und ein Interview mit dem Autor eingefügt worden. Chakrabarty scheint eine Art Geschichte des Postkolonialismus geschrieben zu haben, dem er zum Schluss leise Servus zuruft. Nicht, weil er sich von der Theorie verabschiedet hätte, so Osterhammel, sondern weil die Spätfolgen des Kolonialismus "angesichts der kommenden Klimakatastrophe" weniger wichtig werden. Der Rezensent findet das "überzeugend".