Claudius Seidl schreibt im Feuilleton nicht nur über Politik - aber wenn er über Politik schreibt, dann sind das Essays und Polemiken, mit denen die Politik nicht gerechnet hat. Weil Programme, Parolen, Meinungen das Eine sind. Und es ihm aber um das Andere geht: um Images und Inszenierungen, um Rhetorik, Geschichte und die geistigen Grundlagen einer Politik, die viel zu selten wirklich weiß, was sie da sagt und tut. Seidl schreibt über Drogen und deren Legalisierung, über die Angst der Deutschen vor dem Atomkrieg, übers Gendern, die Elitenfeindschaft, den Antisemitismus im postkolonialen Kunstbetrieb. Er tut das frei von Ideologie; es kann aber passieren, dass die Texte den Konservativen zu konservativ sind, den Liberalen zu liberal, den Linken zu links.
Eleganz und Leichtigkeit schließen Menschenfreundlichkeit nicht aus, lernt Adam Soboczynski aus diesen Essays Claudius Seidls. Und auch wenn man sich fragt, wer das je behauptet hatte, versteht man, warum der Rezensent Seidls politisches Feuilleton so gerne liest. Es geht hier nicht um Tagespolitik und um politische Taktik, so Soboczynski, sondern um "Mentalitätsverschiebungen, Stimmungen, historische Parallelen", die zu benennen schließlich die Kunst des politischen Feuilletons ist. Seidl kann das noch. Als weiterer Vorteil kommt hinzu, dass er seine Leichtigkeit auf jenes mit starrend öden Prunkbauten vollgestellte politische Berlin appliziert - und das kann einer, der wie Seidl aus dem Süden kommt, eben viel besser als all diese todernsten Kulturprotestanten aus der Bundeshauptstadt. Glaubt man Soboczynski, dann wären diese Essays, die größtenteils zuvor in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen waren, auch Lesestoff für angehende Journalisten, die vielleicht noch lernen wollen, was Zeitung war.
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