Christoph Hein

Weiskerns Nachlass

Roman
Cover: Weiskerns Nachlass
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783518422410
Gebunden, 319 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Rüdiger Stolzenburg, 59 Jahre alt, hat seit 15 Jahren eine halbe Stelle als Dozent an einem kulturwissenschaftlichen Institut. Seine Aufstiegschancen tendieren gegen null, mit seinem Gehalt kommt er eher schlecht als recht über die Runden. Er ist ein prototypisches Mitglied des akademischen Prekariats. Dieser "Klasse" fehlt jede Zukunftshoffnung: Die selbst gesetzten Maßstäbe an die universitäre Lehre lassen sich nicht aufrecht erhalten; die eigene Forschung führt zu keinem greifbaren Resultat. Für das Spezialgebiet des Rüdiger Stolzenburg, den im 18. Jahrhundert in Wien lebenden Schauspieler, Librettisten und Kartografen Friedrich Wilhelm Weiskern, lassen sich weder Drittmittel noch Publikationsmöglichkeiten beschaffen. Und dann erweist sich das angeblich sensationelle neue Material aus dem Nachlass von Weiskern auch noch als Fälschung. Seine Bemühungen, eine ihn ruinierende Steuernachforderung zu erfüllen, machen ihm endgültig deutlich: die Welt, die Wirtschaft, die Politik, die privaten Beziehungen - alles ist prekär. Sie zerbrechen, sie setzen Gewalt frei, geben in großem Ausmaß den Schein für Sein aus.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2011

Andreas Isenschmid lockt der jüngste Roman von Christoph Hein überhaupt nicht hinter dem Ofen hervor. Wo ist der fesselnde Erfinder von Figuren der "Teilnahmslosigkeit" wie in "Der Tangospieler" oder "Der fremde Freund", fragt er sich, wenn er die öden Dialoge, den uninteressanten Plot oder die belanglosen Gespräche der Protagonisten liest. Den durchkomponierten "Gesellschaftsroman", der ihm vom Klappentext versprochen wird, kann er jedenfalls nicht recht entdecken, was auch daran liegen mag, dass in seinen Augen eine bestenfalls zu 120 Seiten reichende Geschichte auf 320 Seiten aufgeblasen wird.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.08.2011

Der Hauptfigur von Christoph Heins jüngstem Roman um einen gebeutelten, bitteren Akademiker kann Lothar Müller durchaus einiges abgewinnen. Der auf einer Halbtagsstelle in der Universität kümmerlich sein Leben fristende und den Traum einer großen Edition des sächsischen Schauspielers und Mozart-Librettisten Friedrich Wilhelm Weiskern nachjagende Rüdiger Stolzenburg nimmt sich zwar aus, wie eine direkt der Gegenwart entstiegene Figur, die sich mit Hochschulreform, Steuermalaisen, Mädchengangs oder Bestechungsversuchen reicher Studentenschnösel herumschlägt. Doch dahinter erkennt der amüsierte Rezensent die Komödienfigur des "Hagestolz" aus dem 18. Jahrhundert, der an der Gegenwart krankt und sich gegen die Ehe zu wehren sucht. Soweit so gut und amüsant, findet Müller. Doch wenn Hein dann einen Fälscherkrimi um die Weiskern-Manuskripte einbaut, die in Sütterlinschrift geschrieben sein sollen, eine historische Unmöglichkeit, wie der Rezensent bemängelt, und Stolzenburg durch nicht nur inhaltlich ausgesprochen "triste" Dialoge zur Ehe verführt werden soll, schwindet das Vergnügen Müllers an diesem Roman merklich.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2011

Nicht weniger als eine Neuauslotung der Formen realistischen Erzählens erkennt Christian Metz im neuen, höchst kunstvoll gebauten Roman von Christoph Hein. Und das geht so: Zunächst glaubt der Rezensent sich noch in einem der der realistischen Erzähltradition verpflichteten, bevorzugt um schwierige Charaktere herum angesiedelten Texte Heins. Dann allerdings wird ihm bewusst, welch raffiniertes Spiel der Autor mit der minutiösen, auf den ersten Blick so ausgewogenen Darstellung eines verzweifelten wie hybriden Zeitgenossen inszeniert. Metz sieht den Autor Distanz zur Figur aufbauen statt Sympathie, Gesellschaftskritik ade also, so dass der Leser keine Skrupel hat, der Figur beim Leiden zuzusehen, dann scheint ihm Hein seine Kenntnisse als Dramatiker einzusetzen und der Handlung Schub zu verpassen, indem er der Figur allerhand zumutet. Schließlich kehrt er zum Eingangsbild des Romans zurück, nur um dem Leser vor Augen zu führen, dass sich (fast) nichts geändert hat. Nein, eine neutrale Perspektive sieht anders aus, freut sich Metz.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.08.2011

Rezensentin Judith von Sternburg würdigt Christoph Heins "zutiefst pessimistischen" Roman "Weiskerns Nachlass" als den wohl "deutlichsten" der Saison. Die Geschichte um den Leipziger Dozenten für Kulturwissenschaften Rüdiger Stolzenberg, einen typischen Vertreter des "geisteswissenschaftlichen Prekariats", hat für sie zwar wenig Neuigkeitswert, dennoch hat sich die Rezensentin bestens unterhalten gefühlt. Keine Geheimnisse, dafür umso mehr Klischees, vielleicht auch Wahrheiten, hat sie hier entdeckt: verbittert und illusionslos sinniert Heins 59jähriger Held über seine verpasste Verbeamtung, dämliche, verwöhnte Studenten, die mehr Geld haben als er selbst, die routinierte "Fleischbeschau" der Erstsemester und seine Geliebten. Einziger Lichtblick zwischen dem "normalen" Uni-Alltag und dem Ärger mit Finanzbeamten, unsympathischen Verwandten und einer gewalttätigen Mädchengang ist für Heins "Jedermann" seine Begeisterung für den vergessenen Barockautor Friedrich Wilhelm Weiskern. Dass diese Leidenschaft sich nicht ein bisschen auf den Leser überträgt, findet die Kritikerin zwar bedauerlich, dem Zynismus dieser "lapidaren" Erzählung dann aber doch sehr angemessen.
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