Kaum ein anderes Schlagwort beherrscht heute den öffentlichen Diskurs so sehr wie die Transparenz. Sie wird vor allem im Zusammenhang mit der Informationsfreiheit emphatisch beschworen. Wer aber die Transparenz allein auf moralischer Ebene thematisiert und sie etwa auf Fragen der Korruption reduziert, verkennt ihre Tragweite. Die Transparenz ist ein systemischer Zwang, der die gesamten gesellschaftlichen Prozesse erfasst und sie einer gravierenden Veränderung unterwirft. Das gesellschaftliche System setzt heute all seine Prozesse einem Transparenzzwang aus, um sie zu operationalisieren und zu beschleunigen. Der Imperativ der Transparenz macht uns außerdem zu Sklaven der Sichtbarkeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2012
Wenn alle Welt mehr Transparenz verspricht, vom vertriebenen Bundespräsidenten Christian Wulff bis zur Piratenpartei, dann ist dem Rezensenten Kritik an der Transparenz erst einmal sehr sympathisch. Dem Karlsruher Philosophen Byung-Chul Han ist sie deshalb ein Gräuel, weil sie in seinen Augen nicht die kritische Auseinandersetzung vorantreibe, sondern Ausleuchtung. Ziel des Transparenzzwangs sei die totale Operationalisierung und Beschleunigung. Einer solchen kapitalismuskritischen Sicht auf die Transparenz mag der Rezensent schon weniger folgen, und wenn Han dann die Erotik der Intransparenz gegen die pornografische Transparenz stellt, der Unschärfe und dem Arkanen huldigt, dann fragt sich Ebbinghaus, ob seine politische Theorie nicht noch affirmativer sei als die der Piraten.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 15.03.2012
Tim Caspar Boehme stutzt erst einmal über Byung-Chul Hans zentrale These, derzufolge Transparenz ein bestehendes politisches System stabilisiere und keineswegs, wie von Wikileaks oder Piratenpartei behauptet, zur Gestaltbarkeit von Demokratie beitrage. Doch plausibel oder zumindest bedenkenswert findet der Rezensent Hans Kritik der Transparenz, im Sinne einer "universalisierten Entblößung" verstanden, als Bestandteil einer Kultur der Selbstdisziplinierung ähnlich Jeremy Benthams Entwurf des Panoptikums, einem auf maximale Sichtbarkeit hin angelegten Gefängniskonzepts, dann aber doch: Das "Soziale" werde in einer Gesellschaft, die sich zusehends in Facebook formiert, "ausgebeutet" und, wie der Rezensent Han selbst zitiert, zu einem "funktionellen Element des Produktionsprozesses degradiert und operationalisiert". Allein die "quasi-apokalyptische" Ausrichtung des Buches kommt Boehme "etwas fugenlos kulturpessimistisch" vor.
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